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Hormone können heilen und verhüten

Hormone: Körpereigene Heilmittel mit schlechtem Ruf
Hormone sind an den wechselnden Stimmungsschwankungen Schuld. © Melissa Varoy

Wie Hormone heilen helfen

Hormone sind die Sündenböcke unseres Körpers. Sind wir während unserer Tage zickig, ist es ihre Schuld, fangen wir in der Schwangerschaft plötzlich grundlos an zu weinen, liegt es an auch an ihnen. In der Pubertät haben sie uns ein nervenaufreibendes Gefühlschaos beschert und die Wechseljahre stehen vielen von uns noch bevor. Doch was genau sind das eigentlich für kleine Dinger, die uns das Leben scheinbar so schwer machen?

Von Caroline Schmidt

Hormone sind wie kleine Briefe, die in unserem Körper verschickt werden, um Informationen zu übermitteln. Im menschlichen Organismus gibt es zwei Nachrichtensysteme, einmal über die Nerven und zum anderen eben über die Hormone. Der Unterschied: Während die Nerven E-Mails sind und in Sekundenbruchteilen beim Empfänger ankommen, sind die Hormone die Schneckenpost. Es kann Stunden dauern, bis sie am Ziel wirken.

Produziert werden Hormone in den Drüsenzellen bestimmter Organe, im Gehirn zum Beispiel, in der Bauchspeicheldrüse, den Eierstöcken oder den Hoden. Die Organe geben die Hormone in die Blutbahn ab und die Briefchen machen sich auf die Suche nach den passenden Briefkästen, also Zellen mit speziellen Andockstellen (Rezeptoren). Nur die entsprechen passenden Zellen können die Nachricht lesen und auch umsetzen.

Läuft irgendetwas auf dem 'Postweg' schief, kommt es in unserem Körper zu schweren Störungen. Denn in der chemischen Struktur der Hormone verbergen sich Anweisungen, die dazu dienen, verschiedene Vorgänge im Körper zu steuern. Wenn die Botschaft nicht ankommt kann es zum Beispiel sein, dass der Blutzuckerspiegel durcheinander gerät, die Knochen nicht richtig wachsen oder die Sexualorgane sich nicht wie gewünscht entwickeln. Ohne manche Hormone wie zum Beispiel Insulin, wäre der Mensch nicht lebensfähig - ohne andere oft schwer gestört, bzw. beeinträchtigt.

Künstliche Hormone zur Verhütung

Daher sollten wir die Hormone nicht verteufeln, sondern schätzen. Immerhin bewahren sie auch tausende Frauen vor einer ungewollten Schwangerschaft. Bei der Anti-Baby-Pille zeigt sich besonders gut, wie viel Macht Hormone über unseren Körper haben. Natürliche Hormone regeln den Monatszyklus der Frau und den Verlauf einer Schwangerschaft. Mit künstlichen Hormonen, die wir über die Pille einnehmen, können wir in die natürlichen Vorgänge im Körper eingreifen.

Durch die Pille haben wir so viel von dem weiblichen Geschlechtshormon Gestagen im Körper, wie sonst nur während einer Schwangerschaft. Der Körper denkt daher, dass wir bereits schwanger sind und lässt keine neue Eizelle reifen. Kein neues Ei - keine Schwangerschaft - Verhütung geglückt!

Hormone als Heilmittel

Die Pille sei der häufigste Weg, wie Frauen mit Hormonen in Berührung kommen, meint Professor Dr. Helmut Schatz, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Manche Frauen brauchen die Botenstoffe aber auch, um das Gegenteil der Pille zu erreichen: Eine Schwangerschaft.

Bei einer künstlichen Befruchtung verschreiben Endokrinologen, Spezialisten für Hormontherapien, oft hormonelle Präparate, um die Chance auf ein Kind zu erhöhen. Denn Hormone können bewirken, dass in einem Behandlungszyklus gleich mehrere Eizellen heranreifen, anstatt nur einer einzigen.

Hormone sind aber nicht nur Hilfsmittel, sondern auch Heilmittel. "Bei Hormonmangel oder -ausfall gestattet der Hormonersatz - die 'Substitutionstherapie' - ein normales Leben", so Professor Dr. Helmut Schatz. "Die 'Pharmakotherapie' mit Hormonen wie z.B. die Cortisonpräparate bei Rheuma und Asthma, ist in der Medizin unverzichtbar."

Auch bei speziellen Frauenleiden sind Hormonbehandlungen eine große Hilfe: So bräuchten laut Professor Dr. Helmut Schatz viele von sieben bis zehn Prozent aller geschlechtsreifen Frauen hormonhaltige Pillen, um ihr polycystisches Ovarialsyndrom zu behandeln. Betroffene Frauen haben keine oder unregelmäßige Regelblutungen, was häufig zu Unfruchtbarkeit führt, und leiden oft unter Akne, Haarausfall oder übermäßiger Behaarung. 

Auch Frauen in den Wechseljahren lassen sich häufig Hormonpräparate verschreiben, um die Symptome in den Griff zu bekommen, die der natürliche Hormonrückgang in ihrem Körper verursacht hat. Hormongaben sind in diesen Fällen nur bei Hitzewallungen und Scheidentrockenheit sinnvoll. Diese Behandlungen sind dann normalerweise nur vorübergehend.

Missbrauch von Hormonen

Hormone können heilen und verhüten
Hormon-Missbrauch kommt auch beim Anti-Aging vor

Immer wieder greifen aber auch vollkommen gesunde Menschen zu Hormonpräparaten. Sie wollen ihre Körper leistungsfähiger zu machen. Bei Leistungssportlern spricht man dann von Doping. Ab einer gewissen Menge fördern zum Beispiel männliche Geschlechtshormone das Muskelwachstum. Obwohl diese "Hormon-Kur" bei Frauen mit negativen Auswirkungen wie einer tieferen Stimme, übermäßiger Behaarung und Regelstörungen einhergeht, schrecken viele nicht vor ihr zurück.

Auch im 'Anti-Aging'-Bereich käme es immer wieder zu Hormonmissbrauch, verrät der Endokrinologe Professor Dr. Helmut Schatz. Denn einige Mediziner - besonders in den USA - glauben in Hormonbehandlungen einen Jungbrunnen gefunden zu haben. Da der Hormonspiel im Alter niedriger wird, basiert die 'Anti-Aging-Therapie' darauf, die Hormonwerte auf ein jugendliches Niveau zu heben. Dadurch sollen die altersbedingten Leiden der alternden Patienten gelindert werden.

Professor Dr. Helmut Schatz: "Der Hormoneinsatz im Sinne eines 'Anti-Aging' ist medizinisch nur dann gerechtfertigt, wenn ein nachgewiesener Hormonmangel, der über das physiologische Ausmaß hinausgeht, ausgeglichen wird. Dann handelt es sich um eine Substitutionstherapie. Hormonanwendungen in Form von 'Anti-Aging' muss man, zumal sie auch über längere Zeit noch nie auf schädliche Auswirkungen getestet wurden, als Hormonmissbrauch einstufen."

Unfreiwillige Einnahme von Hormonen

Obwohl es sich bei Hormonen laut Professor Dr. Helmut Schatz eindeutig um Heilmittel handelt, können sie auch Schaden anrichten - besonders in großen Mengen oder, wenn sie eigentlich für jemand anderen bestimmt sind und nur per Zufall in den eigenen Organismus gelangen, zum Beispiel über die Nahrung.

Besonders leidenschaftliche Fleischesser waren bis 1988 gefährdet. Denn erst dann verbot die Europäische Gemeinschaft den Einsatz von künstlichen Hormonen und beschränkte die Verwendung natürlicher Hormone in der Viehzucht (Quelle: Greenpeace). Viehhalter hatten Ihren Tieren unter anderem Wachstumshormone gegeben, um die Mast zu unterstützen.

In vielen amerikanischen Staaten werden heute noch Masthormone verwendet, weshalb Deutschland ein Importverbot für Fleisch von hormonbehandelten Tieren verhängt hat. Experten glauben, dass hormonbelastetes Fleisch beim Menschen Krebs fördern und das Erbgut schädigen kann. Deshalb sorgt heute zudem die Veterinäraufsicht dafür, dass nur unbedenkliches Fleisch in unsere Supermärkte kommt.

Als weitere potenzielle Gefahrenquelle für unseren Hormonhaushalt standen Substanzen in der Wand von Plastikflaschen in letzter Zeit im Fokus. Jedoch haben Fachleute mittlerweile Entwarnung gegeben: Die Stoffe seien zurzeit unbedenklich.

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