Homosexualität: Warum ist "schwul" im Sport immer noch ein Schimpfwort?

Homosexualität: Warum ist "schwul" im Sport immer noch ein Schimpfwort?

Warum muss man Homosexualität überhaupt noch erklären?

Der frühere Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich in dieser Woche dazu bekannt, Männer zu lieben. Seitdem überschlagen sich die Meldungen, Hitzlsperger wird überhäuft mit Gratulationen. Im Fußball ist "schwul" allerdings immer noch eines der geläufigsten Schimpfwörter.

Von Christiane Mitatselis

Wissenschaftler befassen sich schon lange mit den Ursachen von Homosexualität. Zum Glück wird sie nicht mehr als psychische Erkrankung verstanden, wie es bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der westlichen Welt üblich war.

Die Forscher gehen mehrheitlich davon aus, dass Homosexualität eine Veranlagung ist, die – unabhängig von Erziehung und Prägung - in allen Generationen vorkommt. Da sich bisher kein Gen dafür finden ließ, gibt es inzwischen die Theorie, epigenetische Gegebenheiten spielte eine Rolle; also Faktoren, die die Aktivität eines Gens dauerhaft festlegen.

Wie auch immer – viele Schwule und Lesben fragen zu Recht, warum man Homosexualität überhaupt erklären muss. Steckt dahinter nicht der Gedanke, es handle sich um eine Abweichung von der Norm? Warum akzeptiert man nicht, dass es gleichgeschlechtliche Liebe genauso gibt wie Heterosexualität, dass sie ebenso normal ist? Es gibt viele Homosexuelle, die, wie Hitzlsperger, erst heterosexuell leben, bevor sie ihre wahre Neigung erkennen und zulassen.

Hitzlsperger beendete seine Karriere im vergangenem Sommer, nun warten viele darauf, dass auch ein aktiver schwuler Profi-Kicker ein Bekenntnis wagt. Doch wer weiß, wie es im Fußball immer noch zugeht, wie Männer, die wichtige Positionen innehaben, tatsächlich denken, kann vor einem solchen Schritt nur warnen.

Frauenfußball als Vorzeigeobjekt für Toleranz

"Schwul" ist auf den Fußballplätzen eines der geläufigsten Schimpfwörter. "Schwul" bedeutet weichlich, unmännlich, durchsetzungsschwach. "Schwul" ist zudem alles, was zu neumodisch ist, zum Beispiel Spieler, die es nötig haben, einen Sportpsychologen aufzusuchen – und nicht wie harte (nicht-schwule) Männer einfach die Zähne zusammenbeißen.

Als die frühere Nationalspielerin Steffi Jones sich Anfang 2013 zum ersten mit einer Freundin zeigte, bekam sie dafür Applaus. Jones sagte aber auch, sie würde es sich niemals anmaßen, einem Fußballer zum Coming-out zu raten.

Im Frauenfußball geht es anders zu, denn er wird nicht von „echten Männern“ beherrscht – mit positiven Folgen: Die Atmosphäre in den Stadien ist selten aggressiv, sondern meist fröhlich. Der DFB zelebriert seine Frauenländerspiele längst als Familien-Events.So kann Toleranz besser gedeihen. Von vielen Spielerinnen ist bekannt, dass sie eine Partnerin haben. Torhüterin Ursula Holl heiratete 2011 sogar ihre Freundin.

Bei den Männer blüht die Homophobie. Zwar wird sich heute kein Trainer, Spieler oder Offizieller öffentlich schwulenfeindlich äußern. Dass man so etwas nicht tut und dafür sanktioniert wird, haben alle sie gelernt. Die Homophobie manifestiert sich aber in Ritualen auf dem Platz und in Kommentaren, die nicht offiziell abgegeben werden.

Ein einzelner Aktiver, der in dieser Welt ein Coming-out wagte, würde sich sehr viel zumuten – und vermutlich nur wenig bewirken.

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