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Homöopathische Mittel unwirksam? Heilpraktikerin zweifelt Alternativmedizin an

Homöopathie in Frage gestellt: Heilpraktikerin zweifelt selbst an Alternativmedizin
Globuli sind pflanzliche Arznei-Kügelchen, die bei diversen Beschwerden in der Homöopathie verabreicht werden. © picture alliance / Stephan Persc, perschfoto

Homöopathie - Placebo-Effekt oder natürliche Wunderwaffe?

Eine Ärztin erschüttert derzeit die heile Welt der Alternativ-Medizin: Selbst bis vor kurzem Inhaberin einer Homöopathie-Praxis hat sie nun ein Buch geschrieben, das den weißen Kügelchen jedwede Wirksamkeit abspricht. Ihr Hauptargument: In den Zuckerbällchen sei von den potenzierten Wirkstoffen nichts mehr nachweisbar. An sich ja nichts Neues: Globuli, Schüssler-Salze und Co. standen ja noch nie in dem Ruf, nach dem "Viel-hilft-viel"-Prinzip zu arbeiten. Im Gegenteil. Und trotzdem schlucken viele von uns homöopathische Mittel – und fühlen sich danach besser. Warum nur? Eine Frage, bei deren Beantwortung man mit rein analytischem Verstand vermutlich nicht weit kommt.

Von Ursula Willimsky

Ich zum Beispiel glaube eigentlich nicht an diesen ganzen Homöopathie-Schnickschnack. In pragmatisch-sachlichen Phasen sage ich mir: Das ist etwas für Leute, die auch die Schwingungen des Baumes spüren, aus dem das Holz für ihren Schreibtisch geschlagen wurde. Bis sich dann eine Erkältung ankündigt. Dann bin ich die erste, die fluggs die kleinen Glasfläschchen rausholt und noch einmal nachliest, welches – ja, ich weiß, nichtvorhandene – Gift zu meinem Symptomen passt.

Allein schon mal faszinierend, welche Formen Husten haben kann, welche Gesichtsfarben möglich sind und mit welcher Fülle von gruseligen Adjektiven ein kleiner Ausschlag näher spezifiziert werden kann! Nach der Eingrenzung meiner Symptome durch Selbstdiagnose nehme ich das Zeug (für den Arztbesuch habe ich erst morgen Zeit), fühle mich oft bald besser und geh am nächsten Tag dann doch nicht zum Arzt. Und das alles in dem Wissen, dass ich für meinen Körper etwas getan habe, was eigentlich keinerlei Wirkung haben kann – die Substanz, um die es geht, steckt nur noch als nicht nachweisbare 'Heilinformation' im Milchzucker. Aber immerhin: Ich habe etwas gemacht.

Der Glaube versetzt Berge, manchmal lindert er auch Wehwehchen. Und wenn dann noch ein ordentliches Quäntchen Zuwendung und Verständnis verabreicht werden, muss das ja – im verantwortungsvoll gehandhabten Rahmen - nicht unbedingt ohne positive Wirkung bleiben.

Entweder man glaubt's oder eben nicht

Jene Ärztin, von der das Buch 'Homöopathie neu gedacht – was Patienten wirklich hilft' stammt, scheint in eine ganz ähnliche Richtung zu denken. In einem Interview mit der 'Welt' kann Natalie Grams der Homöopathie trotz aller Kritik durchaus auch eine gute Seite abgewinnen: Das Erstgespräch, das gerne einmal drei Stunden dauert. Den Hausarzt muss man erst finden, der sich so viel Zeit für eine einzige Patientin nehmen kann! Und dabei auch die Gelegenheit hat, seiner Patientin zu signalisieren: Auch wenn Du völlig diffuse Beschwerden hast, gegen die die Schulmedizin momentan nichts ausrichten kann – ich nehme dich ernst.

Die Autorin hat zunächst Medizin studiert und danach eine Homöopathie-Praxis eröffnet. Heute arbeitet sie wieder in einem Klinikum. Trotz ihres Bruchs mit der Homöopathie kann sie sich laut 'Welt' durchaus vorstellen, dass Homöopathen eine ganz spezielle Nische im Gesundheitswesen besetzen: Die Rolle der Vermittler. Schließlich kennen sie ihre Patienten sehr, sehr gut und könnten sie deshalb entsprechend "in die richtige Behandlung, zu den richtigen Ärzten oder Ansprechpartnern" begleiten.

Was für ein hübscher Gedanke! Persönliche Gesundheits-Guides! Vielleicht gehen die ja sogar mit zum Zahnarzt und halten einem während der fiesen Wurzelbehandlung die Hand? Denkbar ist so vieles, vermutlich auch machbar. Aber höchstwahrscheinlich scheitert es an der Bezahlbarkeit (auch wenn viele Menschen bereit sind, für eine Behandlung beim Homöopathen so viel Geld auszugeben, wie sie einem Schulmediziner niemals für irgendwelche IGel-Leistungen zahlen würden).

Trotz aller Skepsis, Kritik und diverser Studien zur Nicht-Wirksamkeit: Globuli und Schüssler-Salze werden immer beliebter. Etliche gesetzliche Krankenkassen übernehmen inzwischen die Kosten für einige Behandlungen und auch viele Hebammen setzen auf die Mittel. Ob diese Behandlungen nun wegen der verabreichten Pillen, Kügelchen und Tröpfchen wirken oder nur wegen des Drumherums? Oder vielleicht gar nicht? Oder doch? Wer weiß das schon … hier steht die Menschheit mal wieder vor Fragen, die sie vermutlich auch nach zwanzig weiteren Jahren lebhafter Diskussion nicht generell wird klären können. Entweder man glaubt's oder eben nicht - oder irgendwie beides.

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