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Hochbegabung: Verstecken oder zeigen?

Hochbegabung: Verstecken oder zeigen?
Für Hochbegabte geht es auf der Karriereleiter nicht automatisch nach oben. © dpa, Arno Burgi

Hochbegabung – Fluch oder Segen?

Sabrina W. aus Hamburg ist 32 Jahre alt und arbeitet als Texterin in einer Werbeagentur. Dass sie hochbegabt ist, hat sie lange nicht gewusst. Und auch jetzt fällt es ihr immer noch schwer, darüber zu reden. Für Kinderstube.de berichtet sie von ihrem persönlichen "Coming Out".

KS: Wann haben Sie erfahren, dass Sie hochbegabt sind?

Sabrina W.:

So mit 23 etwa. Aber eigentlich mag ich den Begriff bis heute nicht. Das fühlt sich an wie ein Stempel oder Makel. Ich will nicht in diese Schublade mit der Aufschrift: "Graue Strebermaus".

KS: Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, sich testen zu lassen?

Sabrina W.:

Eigentlich habe ich für eine Bekannte recherchiert, deren Sohn immer Schwierigkeiten in der Schule gemacht hat. Und ich fand schon immer, der ist irgendwie ganz schön clever. Und dann hab ich in den Beschreibungen immer mehr mich selbst entdeckt. Da wollte ich es einfach wissen und hab bei Mensa (Anm. d. Red.: Verein für Hochbegabte) einen Test gemacht.

KS: Und wie haben Sie sich gefühlt, als sie das Testergebnis bekommen haben?

Sabrina W.:

Schrecklich! Ich war richtig traurig. Ich dachte: "Scheiße, jetzt bist du also auch eine von diesen Mäuschen, die du früher in der Schule schon nicht leiden konntest, weil die so brav waren." Ich hatte ja selber Vorurteile und sämtliche Klischees im Kopf, die man so haben kann. Und dann dachte ich: „So, jetzt bist du also hochbegabt, 23 Jahre alt und was hast du bisher gemacht? Nix!“

KS: Hatten Sie denn das Gefühle, versagt zu haben?

Sabrina W.:

Ja, irgendwie schon. Hochbegabt heißt ja irgendwie, dass man mehr leisten kann als andere. Und ich hatte bis dato nix Großes geleistet. Klar, ich hatte super Noten in der Schule und auch in der Ausbildung. Aber dafür musste ich mich ja nicht anstrengen. Wenn man wirklich was geleistet hat, dann muss man ja auch eine Anstrengung, eine Erschöpfung verspüren. So wie beim Sport, wenn man zehn Kilometer gerannt ist. Aber gute Noten, das war für mich keine Leistung. Ich war richtig deprimiert.

"Das behalt ich lieber für mich"

KS: Was sagen denn die Leute, denen Sie von Ihrer Hochbegabung erzählen?

Sabrina W.:

Entschuldigung, aber sind Sie verrückt? Ich mein das nicht böse, aber was glauben Sie wie man so was erzählt? Ne, das behalt ich lieber für mich. Also manchmal fällt das schon auf. Da bin ich ungeduldig und will Sachen lieber selber machen, statt da lange drüber zu diskutieren. Vor allem im Job. Aber das kommt gar nicht gut an, da entschuldige ich mich dann immer schnell. Ich will ja nicht, dass sich jemand dumm fühlt, nur weil ich da manchmal ein bisschen schneller bin. Aber das ist auch schon anstrengend für mich, mich da so selber auszubremsen – zumindest fühlt sich das so an.

KS: Das heißt, es weiß gar keiner, dass Sie hochbegabt sind?

Sabrina W.:

Doch, ein paar Leute schon. Meine Mutter zum Beispiel und ein paar sehr enge Freundinnen. Aber sonst niemand. Nicht mal meine Schwester. Aber am Ende ist das auch gar nicht so wichtig. Ich meine, es erklärt manchmal, warum ich mich so oder so verhalte. Und es ist auch für mich wichtig, weil ich mir früher immer die Reaktionen von anderen Leuten nicht erklären konnte, die dachten ich sei arrogant. Ich kann da jetzt besser drauf achten, damit die sich nicht dumm vorkommen.

KS: Man stellt sich das ja immer so wunderbar vor. Alles kommt einem zugeflogen, man muss sich für nichts richtig anstrengen…

Sabrina W.:

Ja, aber das ist ja das Frustrierende. Man will sich ja anstrengen, man will ja was leisten. Aber egal wie sehr man sich reinhängt, kommt genauso schnell oder langsam voran wie Leute mit normaler Begabung. Da kann man schlecht sagen: Entschuldigung, kann ich mal vor, ich bin in dem Bereich schneller. Also auch karrieremäßig. Ich glaube schon, dass ich mich schneller entwickeln könnte, aber so richtig Chancen sehe ich da keine. Im Berufsleben gibt es da noch weniger Förderung als in der Schule – und auf jeden Fall mehr Konkurrenzkampf und Neider.

KS: Ist denn die Hochbegabung für Sie jetzt Fluch oder Segen?

Sabrina W.:

Wirklich, ich mag den Begriff mit der Hochbegabung nicht, das setzt mich mächtig unter Druck. Ich begreife einfach verschiedene Dinge schneller und habe dadurch natürlich Vorteile – ohne Frage. Wenn andere Zeit zum Lernen brauchen, kann ich ins Kino gehen oder Tennis spielen. Aber in meiner Kindheit hat mir das viel Ärger gemacht. Und auch heute noch bin ich sehr selbstkritisch und nur selten zufrieden mit dem, was ich so auf die Beine stelle. Ich versuche einfach, mich von diesem Begriff zu befreien und Dinge so zu machen, dass ich damit glücklich und zufrieden bin. Wenn ich zum Beispiel mit Freunden unterwegs bin und eine Nacht durchgetanzt habe, dann bin ich am nächsten Tag richtig zufrieden. Und das hat dann gar nix mit irgendwelchen Begabungen zu tun.

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