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Hochbegabung: Ist mein Kind hochbegabt?

Hochbegabung: Ist mein Kind hochbegabt?
Echte "Wunderkinder" gibt's nur selten © picture-alliance/ dpa, DB Marco Hadem

Hochbegabung: Oft eine Zufallsentdeckung

"Als ich erfahren habe, dass mein Sohn hochbegabt ist, habe ich erst mal geweint." sagt Petra W. Und damit ging es ihr wie vielen Eltern. Denn nur die wenigsten wünschen sich wirklich ein hochbegabtes Kind. Statt der Freude über die besondere Begabung überwiegt bei vielen Eltern die Angst, etwas falsch zu machen und den Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Von Nora Hespers

Doch wie erkennt man, ob ein Kind hochbegabt ist? Zeichnen sich hochbegabte Kinder dadurch aus, dass sie mit vier Jahren lesen, mit fünf schreiben und mit sechs Jahren das komplette Haushaltsbudget einer Familie berechnen können? Die Antwort ist ganz klar: Nein. "Wunderkinder" und "Genies" die schon im Vorschulalter Violin-Konzerte spielen oder Shakespeare rezitieren sind die absolute Ausnahme.

Fragt man Petra, wie sie die Hochbegabung ihres Sohnes entdeckt hat, gibt sie offen zu: "Bei Rene war das reiner Zufall. Ich dachte, es hätte vielleicht was mit der Familie zu tun, dass er so oft im Unterricht gestört hat." Außerdem hatte der damals Achtjährige eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreibschwäche. Also alles andere als ein besonderes Talent. Auf Hochbegabung wäre die junge Mutter aus Mönchengladbach deshalb nie gekommen. Erst umfangreiche Tests beim Psychologen klären auf: Rene ist überdurchschnittlich begabt im Bereich der Mathematik und Naturwissenschaften – und Legastheniker.

Rene ist kein Einzelfall. Viel zu oft bleiben besondere Talente bei Kindern unentdeckt, wissen Eltern und Lehrer nicht, wie sie dauerndes Stören oder extreme Zurückgezogenheit deuten sollen. Und in der Tat ist es schwer, Erziehungs­berechtigten ein Patentrezept an die Hand zu geben. Denn nicht jedes Kind das stört, ist hochbegabt, und nicht jedes hochbegabte Kind fällt durch "abnormes" Verhalten auf.

Talente entdecken, Begabungen fördern

Talente entdecken, Begabungen fördern
Hochbegabung zeigt sich nicht nur in Mathe und Physik © Anja Greiner Adam

Mit Talenten ist es wie mit Pflanzen: Werden sie nicht gehegt und gepflegt, verkümmern sie. Jede Begabung, jedes Talent ist als Potential angelegt. Damit das Potential ausgeschöpft werden kann, muss es gefördert werden. Eine Entwicklung kann nur stattfinden, wenn Fähigkeiten in regelmäßigen Lern- und Übungsphasen trainiert werden. Das gilt für durchschnittliches Talent ebenso, wie für überdurchschnittliches. Nur dann können auch Höchstleistungen erzielt werden. Jeder weiß, dass sportlichen oder musischen Höchstleistungen jahrelanges, hartes Training vorausgegangen ist. Nichts anderes gilt auch für geistige Höchstleistungen.

Doch nicht nur Training, auch die Umwelt spielt eine entscheidende Rolle. Stößt ein Kind mit seinen Begabungen auf Ablehnung, Kritik oder Spott, wird es sein Möglichstes tun, sie nicht offen zur Schau zu stellen. Deshalb ist ein motivierendes Umfeld, das genügend Herausforderungen bietet, um das vorhandene Talent auszuprobieren, eine wichtige Voraussetzung. Dabei ist es nicht nötig, mit seinem Kind von Förderkurs zu Förderkurs zu hetzen und es mit Lob zu überschütten. Mit ein paar kleinen Veränderungen und ein bisschen Initiative seitens der Eltern und Lehrer kann auch der schulische Alltag so gestaltet werden, dass er auch für besonders begabte Kinder genügend Herausforderungen bietet.

Auch wenn es kein Patentrezept zur Erkennung von Hochbegabten gibt, so gibt es doch einige Anzeichen, die für eine allgemein hohe Intelligenz sprechen. Dies sind unter anderem:

Schnelle Auffassungsgabe

Gute Lernfähigkeit

Logisches Denken

Räumliches Vorstellungsvermögen

Hohe Gedächtnisleistung

Überrascht Ihr Kind Sie beispielsweise mit klugen Erklärungen zu Ursache und Wirkung bestimmter Sachverhalte (Das ist so und so, weil das und das passiert ist…), merkt es sich viele Einzelheiten und müssen Sie nur selten etwas zweimal erklären, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr Kind überdurchschnittlich intelligent ist. Aber auch wenn Ihr Kind besonders kreativ oder phantasievoll, ansonsten aber eher chaotisch und unorganisiert ist, kann Hochbegabung vorliegen.

Mein Kind ist hochbegabt, und jetzt?

Mein Kind ist hochbegabt, und jetzt?
Neugierig die Welt entdecken - Hochbegabte Kinder können sehr fordernd sein © dpa, B2960 Matheisl

Jedes Kind, egal ob hochbegabt oder nicht, braucht vor allem eins: Das Gefühl, in der eigenen Familie besonders gut aufgehoben zu sein, Verständnis, Vertrauen und Liebe. Hochbegabte Kinder können allerdings sehr fordernd sein. Denn häufig schlafen sie weniger, sind ständig auf der Suche nach neuer Beschäftigung und sehr fixiert auf erwachsene Bezugspersonen. Haben Sie keine Angst vor der Herausforderung, wachsen Sie mit Ihrem Kind. Sie werden sicher beide davon profitieren.

Wenn Sie wissen wollen, wie Sie Ihr Kind am besten fördern können, sollten Sie es genau beobachten. Wo liegen seine Interessen? Was macht es besonders gerne? Überlegen Sie dann, wie Sie für geistige, körperliche oder kreative Nahrung sorgen können. Ihr Kind bastelt gerne? Toll, vielleicht haben Sie ja ein ausrangiertes Küchengerät, dem es nicht schadet mal auf Herz und Nieren geprüft zu werden (ohne Strom versteht sich). Auch Bücher, spezielle Internetseiten oder Lernspiele für den PC sorgen für Abwechslung.

Außerdem sollten Sie auf körperlichen oder musischen Ausgleich achten, sofern Ihr Kind daran Interesse zeigt. Gerade Bereiche, in denen Ihrem Kind nicht alles zufliegt, sind für die Entwicklung förderlich. So lernt es frühzeitig, auch mit Niederlagen umzugehen und dass manche Dinge Ausdauer und Fleiß verlangen, um zum Ziel zu gelangen. Loben Sie seine Bemühungen und bestärken Sie es dranzubleiben.

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind in der Schule nicht genügend gefordert ist, suchen Sie zusammen mit den Lehrern nach Lösungen. Oft kann so gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Für Rene bedeutete das zunächst einmal einen Schulwechsel. Statt wie von den Lehrern gefordert ihren Sohn auf einer Hauptschule anzumelden, fand Petra eine Realschule mit besonderem Förderangebot. Zusammen mit der Klassenlehrerin wurde ein Konzept erarbeitet mit dessen Hilfe Rene seine Lese- und Rechtschreibschwäche kompensieren konnte: Statt Noten für Rechtschreibung musste Rene Sonderaufgaben erledigen.

Außerdem bietet die Schule spezielle Arbeitsgemeinschaften an. In der Roboter-AG und beim Projekt "Jugend forscht" kann Rene seinen Begabungen freien Lauf lassen. Inzwischen besucht der heute 16-Jährige die zehnte Klasse. Sein großes Ziel: Erstmal auf's Gymnasium und Abitur machen. Und dann ein Studium zum Sozialpädagogen. Auf die Frage, ob er damit unter seinen Möglichkeiten bleibt, sagt Mutter Petra: "Nein, warum? Rene ist ein sehr sozialer Mensch. Er liebt den Umgang mit Kindern, fährt als Betreuer bei Ferienlagern behinderter Jugendlicher mit. Wenn es das ist, was ihn glücklich macht, dann hab ich nichts dagegen."

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