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Hochbegabung bleibt bei Mädchen oft unerkannt

Hochbegabung bleibt bei Mädchen oft unerkannt
Hochbegabung: Bei Mädchen oft unentdeckt © Tomasz Trojanowski, © Tomasz Trojanowski - Fotolia.com

Hochbegabung fällt erst im Erwachsenenalter auf

Allein der Begriff "Hochbegabung" sorgt für lebhafte Diskussionen, schnell tritt das ein oder andere Vorurteil zu Tage. Von ehrgeizigen "Eiskunslauf-Müttern" ist da die Rede, von arroganten Klugscheißern und rebellischen Störenfrieden. Doch wie äußert sich Hochbegabung und gibt es einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen?

Von Nora Hespers

Der Begriff "hochbegabt" lässt sich nicht so ohne weiteres definieren. Und schon gar nicht in Klischees pressen, obwohl er genau diese immer wieder hervorruft: Da ist das schüchterne, fleißige Strebermädchen mit Grauer-Maus-Frisur und Brille oder das Mathegenie mit den Glasbausteinen, das nur vor dem Computer hängt. Fakt ist: Hochbegabung ist den wenigstens ins Gesicht geschrieben und es gibt nicht den oder die Hochbegabten.

Genau das aber macht es Eltern und Lehrern so schwer, außergewöhnliches Talent zu erkennen. Denn auch wenn eine überdurchschnittliche Begabung vorliegt, muss sich diese nicht zwingend in überdurchschnittlicher Leistung äußern. Viele Hochbegabte sind sogenannte "Underachiever" oder auf Deutsch "Minderleister". Sie fühlen sich mit normalen Aufgaben unterfordert, bringen nicht das nötige Interesse oder die nötige Konzentration auf und machen sich eher als Störenfriede denn als Mathegenies einen Namen

Ganz anders ist es bei Mädchen. Auch in der heutigen Erziehung wird von Mädchen immer noch stärker erwartet, sozial integriert zu sein, als von Jungen. Besondere Leistungen aber fallen auf. Um das zu vermeiden passen sich Mädchen häufig an. Nach der Devise: "Bloß nicht auffallen" verstecken sie ihre Leistungsfähigkeit. Nicht selten ziehen sie sich dabei zurück und entwickeln psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Die Hochbegabung fällt dann erst im Erwachsenenalter auf, wenn die jungen Frauen genügend Selbstbewusstsein aufgebaut haben sich positiv mit ihrer Leistungsfähigkeit auseinanderzusetzen.

Weiblichkeit und Erfolg – Ein Widerspruch?

Obwohl Hochbegabung zwischen Männern und Frauen ungefähr gleich verteilt ist, sind hochbegabte Männer häufig höher qualifiziert. Nur elf Prozent aller Professuren in Deutschland sind von Frauen besetzt. Eine ähnliche Zahl gilt für Führungs- und Managementpositionen in großen Unternehmen. Weiblichkeit und Erfolg – das scheint immer noch nicht recht zusammenzupassen. Vielleicht hätte Angela Merkel ja gar keinen Stilberater benötigt, wenn sie sich nicht als "Mann" getarnt an die Regierungsspitze hätte hochkämpfenmüssen? Denn Fakt ist: Unsere Bundeskanzlerin war in erster Linie erfolgreich, erst dann wurde sie durch einen Imagewechsel auch erkennbar weiblich.

Auch mathematische und naturwissenschaftliche Hochbegabung wird eher Männern zugeschrieben. Und das, obwohl es auch hier bei der Verteilung der Begabung keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Und während gute Schulnoten oder Leistungen bei Jungs immer mit Begabung gleichgesetzt werden, glaubt man bei Mädchen eher an Fleiß als Ursache.

Einen erkennbaren Unterschied gibt es aber dennoch zwischen Mädchen und Jungen: Während sich hochbegabte Jungs relativ früh spezialisieren und ihr "Steckenpferd" entwickeln, sind die Interessen und Begabungen bei Mädchen häufig breiter gefächert. Und genau das macht es für Eltern und Lehrer besonders schwierig, überdurchschnittliche Begabungen bei Mädchen zu erkennen. Und auch die hochbegabten Mädchen führen ihre Leistungen selten auf ein besonderes Talent oder gar überdurchschnittliche Intelligenz zurück.

Erste Hinweise auf eine Hochbegabung lassen sich letztlich nur durch gezielte Beobachtung finden. Wie verhält sich das Kind bei besonders schwierigen Aufgaben? Steigt die Konzentration mit dem Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe? Wie verhält es sich in einer Gruppe? Kann das Kind auch ohne Hilfestellung Aufgaben lösen, die in dieser Form noch nicht besprochen wurden? Für welche Themen kann sich das Kind besonders begeistern? Wirklich Aufschluss darüber, ob eine Hochbegabung vorliegt, kann letztendlich natürlich nur ein Test geben. Aber in unserer Checkliste finden Sie einige Anhaltspunkte für Verhaltensweisen, die bei besonders begabten Kindern häufig beobachtet werden können.

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