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Hochbegabte Mädchen haben es meist schwerer

Hochbegabte Mädchen haben es meist schwerer
Nicht diagnostizierte hochbegabte Mädchen entwickeln oft psychosomatische Beschwerden. © iStock

Interview mit Diplom-Psychologin Petra Nagel

Diplom-Psychologin Petra Nagel ist spezialisiert auf die Diagnostik und das Coaching hochbegabter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener. Seit 2004 ist sie in einer eigenen Praxis in Bad Kreuznach tätig. Mit Kinderstube.de sprach sie über Hochbegabung und deren Auswirkung vor allem auf Mädchen und Frauen.

KS: Gibt es geschlechtertypische Unterschiede zwischen hochbegabten Jungs und Mädchen?<7b>

Petra Nagel:

Die geschlechtertypischen und hormonellen Unterschiede sind bei der Hochbegabungsthematik nicht so relevant wie beispielsweise Temperamentsunterschiede. Sie führen jedoch zu unterschiedlichen Umsetzungen der Begabung und zu unterschiedlichen Handlungsstrategien. Die intrapersonelle Schwankungsbreite bei Mädchen (wie auch bei Jungen) kann größer sein als die interpersonellen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Gerade bei intellektuell Hochbegabten kommt es auf den speziellen Einzelfall an.

Im Unterschied zu hochbegabten Jungen leiden hochbegabte Mädchen jedoch oftmals von dem Umfeld unbemerkt - auch darunter, "anders" zu sein, und unter diesem Druck "sich anzupassen". Zudem werden sie seltener im schulischen und familiären Umfeld gefördert, als die Jungen. Sieben von 10 Kindern, die mir wegen einer Hochbegabungsthematik vorgestellt werden, sind Jungen. Ich habe mittlerweile mehrere Hunderte von Hochbegabungsdiagnostiken durchgeführt und ich erinnere mich nicht, dass jemals eine Schwester "vor" ihrem Bruder zu mir kam. Zuerst kommen die Familien mit ihren Söhnen zur Abklärung einer Hochbegabungsthematik.

Im Gegensatz zu Jungs werden Mädchen eher still

KS: Wie machen sich diese Unterschiede bemerkbar?

Petra Nagel:

Das ist so mannigfaltig und die Entwicklungsverläufe hochbegabter Mädchen sind so unterschiedlich, dass ich am besten ein paar Beispiele aufzähle und sinngemäße Zitate aus meiner tagtäglichen Praxis einfüge:

Bei einer unentdeckten Hochbegabung werden manche Mädchen still - verstummen sogar - wenn sie permanent "gebremst", nicht adäquat gefördert, intellektuell unterfordert (und emotional meist überfordert) werden. Sie zeigen oftmals im Gegensatz zu Jungen nicht ihre Leistungsfähigkeit: So las mir beispielsweise eine 5-Jährige fließend aus einem ihr unbekanntem Buch vor – im Kindergarten "blieb sie stumm" ("In diesem Alter kann man ja nicht lesen"). Ich erlebe immer wieder, dass hochbegabte Mädchen mit Vergnügen, Humor, Ironie und/oder Sarkasmus ihr Wissen und Können verbergen (insbesondere dann, wenn ihr Gegenüber sie unterschätzt).

(Nicht-diagnostizierte) Hochbegabte Mädchen bekommen eher psychosomatische Beschwerden und Essprobleme; sie werden eher "depressiv" und "krank" als hochbegabte Jungs. Sie werden auch seltener mit (hier: fälschlich geäußerten) Verdachtsdiagnosen wie „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ vorgestellt, als Jungen. Eine 15-Jährige (sie hatte zwei hoch-strapaziöse hochbegabte jüngere Brüder) "durfte" erst zu mir kommen, nachdem sie ihren Eltern die Frage gestellt hatte "Muss ich auch erst verhaltensauffällig werden, bevor ich einen "IQ-Test" machen darf?"

Andere hochbegabte Mädchen, wehren sich gegen Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Dies kann wiederum darin münden, dass sie als "altklug" oder "arrogant" bezeichnet werden. So fragte mich eine hochbegabte 9-Jährige (die eine Jahrgangsklasse übersprungen hatte), "Warum verstehen die anderen (= die ehemaligen Klassenkameraden) nicht, dass es auch schlimm ist, wenn man alles weiß und gar nichts lernt?... Jetzt lerne ich endlich etwas").

Sowohl hochleistende hochbegabte Mädchen als auch sog. Underachiever sind nicht nur intellektuell unterfordert - sie kämpfen auch mit Widerständen und haben mit Missverständnissen zu kämpfen.

Mädchen bleiben lange "problemlos"

Hochbegabte Mädchen haben es meist schwerer
Hochbegabte Mädchen haben es meist schwerer

KS: Warum wird Hochbegabung bei Mädchen häufig erst spät oder gar nicht erkannt?

Petra Nagel:

Allgemein wird sowohl bei Jungen als auch Mädchen zu selten eine Hochbegabungsthematik abgeklärt. Immer noch existiert der Mythos: Hochbegabt = Wunderkind, Hochbegabt = HochleisterIn, Hochbegabt = Problemlose ÜberfliegerIn, Hochbegabt = Eiskunstlauf-Eltern etc. Auch die Jungen werden mir oftmals erst dann vorgestellt, wenn es Probleme gibt, die zum Beispiel etikettiert sind mit: "verhaltensauffällig", "unkonzentriert", "aggressiv", "unsozial".

Mädchen sind demgegenüber lange Zeit "unauffällig" und "problemlos". "Sie fallen gar nicht auf". Sie passen sich eher den anderen an. So sagte einmal eine Erstklässerin (die oftmals über Langeweile im Unterricht geklagt hatte) zu ihrer Mutter: "Mama, heute habe ich in der Schule etwas nicht verstanden". Worauf die Mutter antwortete: "Na siehst Du, jetzt lernst Du etwas in der Schule. Was hast Du denn nicht verstanden?". Darauf fing das Mädchen an zu weinen - und als sie sich beruhigt hatte, sagte sie "Nein, ich habe wieder alles gewusst. Aber ich will auch ein Kind sein, das nicht weiß, was die Lehrerin fragt".

Eltern sollten sich beraten lassen

KS: Gibt es einen Grund, warum Mädchen eher als Jungs das Bedürfnis haben, sich an die Gesellschaft (gesellschaftl. Normen) anzupassen?

Petra Nagel:

Ja, hier gibt es geschlechtstypische Verhaltensweisen die hormonell bedingt sind. Mädchen/Frauen sind in der Lage, sich vollkommen auf andere einzustellen und eigene Interessen zurückzustellen. Jungen drängen häufiger in den Vordergrund. Es ist aber hinzuzufügen, dass manche Mädchen/Frauen vigil und manche Jungs/Männer feminin sind.

KS: Mädchen schieben Leistung angeblich eher auf Fleiß als auf Begabung? Was ist die Ursache für diese Einschätzung?

Petra Nagel:

Mädchen sind den Jungen hier auch überlegen (im Durchschnitt haben sie beispielsweise im Abitur auch bessere Noten und sie machen auch eher die Hausaufgaben als die Jungen (und sei es nur aus dem Grund, "...weil der Lehrer mir leid tut").

KS: Ist für Eltern von hochbegabten Mädchen eine spezielle Beratung notwendig?

Petra Nagel:

Ja. Sie sollten sich bei Fragen und Problemen an Hochbegabtenvereinigungen und/oder an hierauf spezialisierte PsychologInnen wenden.

KS: Was könnte Mädchen helfen, sich positiv mit Ihrer Begabung auseinanderzusetzen?

Petra Nagel:

Das ist komplex und nicht mit wenigen Worten zu beantworten. Nur kurz: Sobald eine Hochbegabung diagnostiziert wurde, beginnt die Auseinandersetzung. Ich erlebe oft, wenn ich die Ergebnisse der Hochbegabungsdiagnostik bespreche, Erstaunen aber auch Erleichterung. Oftmals informieren sich danach die Eltern und vernetzen sich mit Hochbegabtengruppen.

Auch ist der Kontakt zu Gleichbefähigten hilfreich. Auch im Gespräch mit Gleichbefähigten erfolgt die Auseinandersetzung mit dem Thema. Schwieriger ist es für einige Mädchen, die Hochbegabung auch "anzunehmen". Wesentlich sind dann auch die Reaktionen der Familie, KiTa und/oder Schule. Hier ist noch viel Aufklärungs- und Unterstützungsbedarf.

Bei Frauen, bei denen erst im Erwachsenenalter eine Hochbegabung festgestellt wird, ist das teilweise ein längerer Weg. (Auch) Deswegen ist die "rechtzeitige" Diagnostik so wichtig.

Diese Mädchen brauchen Unterstützung und Förderung. Wir sprechen von der intellektuellen Elite, die sowohl vernachlässigt als auch durch inadäquate Reaktionen des Umfeldes behindert wird.

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