Hilferufe in Primark-Etiketten: Eine PR-Kampagne?

Die erschreckende Nachricht auf einem eingenähten Schildchen

Ein krasser Hilferuf, eingenäht in ein Kleid der Marke Primark, erregte diese Woche die Gemüter. Und offenbar ist das kein Einzelfall, denn jetzt tauchten weitere Etiketten mit einer Botschaft auf. Bei Kundin Rebecca Jones war die Nachricht in einem Top eingenäht, so die "Southwales Evening Post". Sie hatte das Kleidungsstück bereits 2013 in Swansea gekauft. Ein anderer Zettel ist in einer Hose aufgetaucht, die laut BBC eine Primark-Kundin aus Belfast in Nordirland erworben hatte.

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Unklar ist jedoch, ob es sich bei den gefundenen Etiketten nicht möglicherweise sogar um eine PR-Kampagne handelt. Zunächst wurde vermutet, die Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International' würde hinter der Aktion stecken. Die Organisation hat das jedoch gegenüber SPIEGEL ONLINE dementiert.

Auf dem Etikett, das Rebecca Gallagher in ihrem Kleid fand, stand „Forced to work exhausting hours“, zu deutsch etwa „gezwungen, bis zur Erschöpfung zu arbeiten“. Das Etikett des Tops sieht dem, das Gallagher auf dem Kleid fand, sehr ähnlich. Darauf steht der Spruch "Degrading sweatshop conditions", zu Deutsch "menschenunwürdige ausbeuterische Arbeitsbedingungen". Der dritte Vorwurf in der Hose macht darauf aufmerksam, dass die Mitarbeiter "wie Ochsen" schuften müssten und das zur Verfügung gestellte Essen selbst für Tiere ungenießbar sei. Darüber stehen in lateinischer Schrift die Worte "SOS! SOS! SOS!". Die Notiz lag in einem Gefangenenausweis eines chinesischen Gefängnisses.

Wie oder warum die Schilder an oder in die Kleidungsstücke gelangten, ist bisher nicht bekannt. Ebenso wenig, ob sie in der Primark-Fabrik oder erst in Großbritannien bzw. Irland befestigt wurden. Primark kündigte laut BBC bereits die Untersuchung der Vorfälle an.

Lediglich zehn Pfund hat das Kleid von der Mode-Kette Primark gekostet. Dass bei solchen Preisen vermutlich erschöpfte Näherinnen lange Stunden für einen Hungerlohn arbeiten müssen, ist kein Wunder. Kundin Rebecca Gallagher jedenfalls will in Zukunft auf Billig-Kleidung verzichten. „Um ehrlich zu sein, habe ich zuvor nie darüber nachgedacht, wie die Kleider hergestellt werden. Aber dieser Vorfall macht mich wirklich nachdenklich“, erklärt die 25-Jährige der ‚South Wales Evening Post’. Und auch Rebecca Jones hat der Label-Fund nachdenklich gemacht.

Ein Sprecher von Primark äußerte sich gegenüber Vogue.com zu dem Vorfall und sagte: „Wir finden es seltsam, dass dieser Vorfall erst jetzt bekannt wird. Das Kleid wurde vor mehr als einem Jahr verkauft und es gibt keine weiteren Vorfälle dieser Art."

Sind die Botschaften also vielleicht gar nicht echt? Das Unternehmen schreibt in einer Stellungnahme: "Wir untersuchen derzeit die Herkunft eines zusätzlichen Etiketts, das in einem unserer Kleider gefunden wurde und vermuten lässt, dass das Kleidungsstück unter schlechten Arbeitsbedingungen produziert wurde."

Nach Auskunft von Primark arbeitet das Label nur mit Fabriken zusammen, in denen ethisch korrekt produziert wird: "Primarks Code of Conduct legt Prinzipien fest, die Produzenten und Fabriken befolgen müssen, sodass sicher gestellt werden kann, dass unsere Produkte unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt werden, dass die Arbeiter anständig behandelt werden und einen fairen Lohn erhalten."

Dass es sich bei den Schildchen tatsächlich um Hilferufe von Fabrikarbeiterinnen handelt, ist also noch nicht von offizieller Seite bestätigt worden. Klar ist jedoch, dass Textildiscounter wie Primark in der Regel keine fair geregelte Produktion in ihren Fabriken haben und ein Vorfall wie dieser die Aufmerksamkeit dafür nur noch erhöhen sollte.