Highfashion zum Spottpreis: Die Krux mit der Billigmode

Highfashion zum Spottpreis: Die Krux mit der Billigmode
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Primark: So teuer ist ein T-Shirt – eigentlich

T-Shirts für 2,50 Euro, Jeans für 9 Euro – der Billigdiscounter Primark löst nicht nur bei Kids einen regelrechten Kaufrausch aus. Egal ob Jeans, Bluse, Kleid oder Jacke – bei Primark kostet kein Kleidungsstück mehr als 35 Euro. Die Klamotten sind topmodisch, High Fashion zum Spottpreis. Wie kann Primark so günstig kalkulieren? Und wer interessiert sich eigentlich für etwas so Uncooles wie Sozialstandards?

Jutta Rogge-Strang

Nie war Mode so billig wie heute: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgten Bangladesch, die Türkei und Indien. Bangladesch ist in den letzten 20 Jahren zu einem der wichtigsten Standorte für die Endfertigung von Billigklamotten geworden. Textilkonzerne verlegen inzwischen Arbeiten wegen des billigeren Lohnniveaus sogar von China aus dorthin. Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes, mit 5.000 Fabriken und mehreren Millionen hauptsächlich weibliche Arbeitskräfte.

Dass diese Textil-Arbeiterinnen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten müssen, ist eigentlich bekannt. Aber leider ist ein Boykott von billiger Kleidung keine Lösung. Denn auch Markenprodukte werden in Billiglohnländern gefertigt, allerdings in einer anderen Schicht. Das wirft die Frage auf: Was kostet eigentlich ein T-Shirt?

Die Firma Hessnatur hat vor einiger Zeit ihre Kalkulation für ein T-Shirt zum Verkaufspreis von 19,95 Euro offengelegt. Dabei teilt sich der Betrag so auf:

Im Herstellerland:

3,82 Euro Material (Bio-Baumwolljersey)

1,40 Euro Lohn (Zuschnitt, Nähen)

0,68 Euro andere Kosten (Transport, Verpackung)

In Deutschland:

3,66 Euro für Vertrieb (Online-Shop, Einzelhandel, Versand, Katalogherstellung etc.)

2,01 Euro für Marketing und Personal

1,00 Euro Verwaltung (Finanzen, EDV etc.)

2,86 Euro andere Kosten (Kundenhotline, Lager)

3,19 Euro Mehrwertsteuer

1,33 Euro Reingewinn

Der Müllberg an Kunstfasern wächst

Der Discouter Primark verzichtet zum Beispiel auf Werbung, um Kosten einzusparen. Dazu sind die verwendeten Materialien nicht so hochwertig wie z.B. Bio-Baumwolle. Ein geringer Gewinnaufschlag und große Stückzahlen lassen den Preis weiter purzeln. Niedrige Betriebskosten halten auch in Deutschland den Preis niedrig: Bei Primark wird eingeräumt, kassiert und sauber gemacht, Beratung gibt es nicht.

Unbestritten ist die doch eher niedrige Qualität der Materialien: Wer gerne Kunstfasern auf der Haut trägt, ist bei Primark genau richtig. Genau das ist künftig aber auch das Problem: Der Müllberg an Kunstfasern wächst rasant. Wozu die Kleidung in der Waschmaschine waschen, wenn schon neue Shirts auf ihren Einsatz warten?

Ich kenne Mütter, die für ihre Kleinkinder ausschließlich im Second Hand-Laden einkaufen: Weil da "alle schädlichen Stoffe längst aus der Kleidung rausgewaschen sind". Aber selbst im Second Hand-Shop bekommt man hochwertige gut erhaltene T-Shirts fast nicht unter 2,50 Euro. Und ein Boykott der Billig-Discounter würde letztlich nur die Arbeiterinnen treffen, die dann ihre Jobs verlieren. Wie kommen wir raus aus der Zwickmühle?

Da ist die Politik gefragt: Entwicklungsminister Gerd Müller hat noch für dieses Jahr ein Siegel für nachhaltig produzierte Kleidung angekündigt, das die deutsche Modebranche zur Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards drängen soll. Sogar der Chef der schwedischen Textilkette Hennes & Mauritz (H&M), Karl-Johan Persson, hat ein Gütezeichen für fair produzierte Mode gefordert.

Bis es soweit ist, hilft wahrscheinlich nur gesunder Menschenverstand: Neutrale Basics wie Jeans in blau oder schwarz mit dazu passenden T-Shirts und Cardigans lassen sich mit unterschiedlichen Accessoires (z.B. Tüchern, Schmuck) super aufpeppen. Dazu ein paar wenige tolle Einzelteile aus dem Sale - und die preiswerte und nachhaltige Mode-Variante ist fertig. Hemmungsloses Shoppen sieht allerdings anders aus, denn bei fairer Mode muss man vorher nachdenken. Aber ob gerade das bei den Kids wirklich gewünscht ist?

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