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'Heimwegtelefon' - die kostenlose Hotline für den sicheren Nachhauseweg

'Heimwegtelefon': Dahinter stecken zwei Berlinerinnen

Wer nachts als Frau allein unterwegs ist, kennt das Gefühl. An jeder Ecke lauert ein dunkler Schatten, oft meint man, schnelle, sich nähernde Schritte zu hören. Jedes Geräusch verursacht Panik. Zwei junge Berlinerinnen wollen mit dem Projekt 'Heimwegtelefon' gegen dieses Problem ankämpfen und haben eine kostenlose Telefon-Hotline eingerichtet, bei der Verängstigte abends und nachts anrufen können. Wir haben mit Anabell Schuchhardt und Frances Berger gesprochen und erfahren, was hinter diesem Projekt steckt.

Frances Berger und Anabell Schuchhardt
Sie sind die Macherinnen des ' Heimwegtelefon'

Auf Ihrer Seite schreiben Sie, dass Freundinnen von Ihnen schon einem Überfall zum Opfer gefallen sind – gab es da ein einschneidendes Erlebnis, also einen Auslöser, der Sie zur Gründung des 'Heimwegtelefons' bewegt hat?

'Heimwegtelefon': Nein, den gab es nicht. Wir haben uns zufällig darüber unterhalten, dass wir uns beide wohler fühlen, wenn wir auf dem Weg nach Hause im Dunkeln telefonieren. Anabell hat dann von der 'Nachttaste' in Stockholm erzählt. Nachdem wir keinen Dienst in Deutschland gefunden haben, der so etwas anbietet, haben wir uns überlegt, selbst aktiv zu werden, anstatt uns zu ärgern, dass es so etwas nicht gibt.

Wann sind Sie damit an den Start gegangen?

'Heimwegtelefon': Begonnen haben wir mit unserem Projekt bereits im Herbst 2011. Die Testphase in Berlin haben wir am 20. Dezember 2013 gestartet und etwa zwei Wochen später sind wir deutschlandweit in die Testphase gegangen.

Sie machen das beide nebenberuflich und wohnen nicht in einer Stadt – wie koordinieren Sie das?

'Heimwegtelefon': Wir haben zum Glück bereits eine sehr lange Vorlaufzeit gehabt, in der wir auch beide in Berlin gewohnt haben. Allerdings sind wir im Dezember doch sehr plötzlich in die Testphase gegangen. Seitdem ist unsere freie Zeit sehr begrenzt und es bleibt vieles auf der Strecke, aber wir versuchen Pressetermine und alles rund um Heimwegtelefon, Beruf, Familie und Freunde trotzdem unter einen Hut zu bekommen. Wir bekommen viel Unterstützung von unseren Familie und Freunden, wofür wir sehr dankbar sind. An unterschiedlichen Orten zu arbeiten, kennen wir aus unserer gemeinsamen Zeit als Unternehmensberater, das funktioniert meist sehr gut.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie momentan? Arbeiten die ehrenamtlich?

'Heimwegtelefon': Zur Zeit sind wir beide die einzigen, die am Projekt arbeiten. Wir haben Partner, die beispielsweise die Grafik machen und enge Freundinnen, die uns beim Telefonieren unterstützen können. Wir und unsere Helfer arbeiten ehrenamtlich. Allerdings haben wir trotzdem Kosten, die gedeckt werden müssen und freuen uns immer über Spenden (www.betterplace.org/p10697 und Pro Bono Unterstützung).

Wie viele Anrufe bekommen Sie durchschnittlich in einer Nacht?

'Heimwegtelefon': Das ist ganz unterschiedlich. Mal haben wir über ein Dutzend Anrufe, an anderen Tagen wiederum nur fünf oder sechs.

Haben Sie schon einen Angriff oder Überfall mitbekommen und vielleicht sogar verhindern können?

'Heimwegtelefon': Nein, zum Glück noch nicht. Wir gehen allerdings auch davon aus, dass ein Ernstfall eher selten ist, da wir dem ja genau vorbeugen möchten.

Gab es ein Gespräch, an das Sie sich besonders erinnern?

'Heimwegtelefon': Natürlich bleibt das allererste Gespräch immer eine besondere Erinnerung, zumal es in der Nähe meiner alten Wohnung war. Es gibt auch Gespräche, bei denen es wirklich schade ist, dass sie zu schnell zu Ende sind.

Wie alt sind die Anruferinnen im Durchschnitt?

'Heimwegtelefon': Das können wir so gar nicht genau sagen. Man hört zwar oft an der Stimme, ob es sich um jemand Jüngeren oder Älteren handelt, aber genau wissen wir das nicht. Wir denken aber, dass die überwiegend weiblichen Anrufer so zwischen 20 und 35 Jahre alt sind.

Können beim 'Heimwegtelefon' auch Männer anrufen?

'Heimwegtelefon': Jeder darf anrufen. Wir möchten, dass niemand auf dem Heimweg ein mulmiges Gefühl haben muss, egal welches Geschlecht oder Alter der Anrufer hat.

Gibt es schon Lob oder Kritik von öffentlicher Seite - zum Beispiel von der Polizei?

'Heimwegtelefon': Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei Villingen-Schwenningen meint, dass die Hotline in einzelnen Fällen sicherlich helfen könne.

Der Leiter der Kriminalpolizei Thomas Gerth findet den Grundsatz der Idee gut. Er denkt, dass eine telefonierende Person einen Täter eher abschreckt. "Es ist dabei egal, ob am anderen Ende die Mutter, der Freund oder eben das 'Heimwegtelefon' spricht", sagt Gerth. Die Hauptsache sei dabei, nach außen hin zu zeigen, dass man mit jemandem in Kontakt steht. Vor allem das Gefühl von Sicherheit, das ein Gesprächspartner am Telefon bietet, sei nicht zu unterschätzen – auch wenn die vermeintliche Sicherheit nur subjektiv wahrgenommen werde. Vorsicht ist trotz allem geboten, denn laut dem Kriminalbeamten könne es den Täter in seltenen Fällen erst zu einem Überfall animieren, wenn während des Telefonats beispielsweise ein teures Handy verwendet wird. Gerth hält es aber für schwierig, die Lage zu verallgemeinern: Jede Situation sei unterschiedlich.

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