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„Hauptsache sexy“! YouTuberin geht mit Zeitschrift für junge Mädchen hart ins Gericht

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Zwei Mädchen schauen sich eine Zeitschrift an.
Mädchenzeitschriften sind Gift für die Emanzipation. © Photolyric Stock Productions (Klöpper & Eisenschmidt GbR)

Scheinbar das Wichtigste: Anderen gefallen

Märchen-Stunde bei YouTuberin Nhi Le: Ein paar sehr junge Mädchen lesen aus der 'Bravo Girl' vor, die für sie gemacht ist. Also für Mädchen ab zwölf. Sie sollen sexy sein, erfährt man. Sie sollen sich regelmäßig rasieren, sexy sein, sich pflegen, damit sie bei den Jungs ankommen. Sie sollen einen sexy Hüftschwung einsetzen - stundenlang könnte man da zuhören und würde doch nur wenig Schönes erfahren. "Hauptsache sexy" heißt folgerichtig Nhi Les Clip, in dem sie zeigt, wie Kinder im Prä-Teenager-Alter auf den offenbar eigentlichen Sinn des Lebens vorbereitet werden: Darauf, Anderen und vor allem den Jungs, zu gefallen.

Aber Moment: Das, was Nhi Le da in ihrem Clip anprangert, ist doch völlig veraltet! Das kennen wir doch!  Zum Beispiel aus den legendären "100 Tipps für eine Hammer-Ausstrahlung", die einem Jugendmagazin aus demselben Verlag vor zwei Jahren einen Shitstorm bescherten. Damals changierten die Einschätzungen der Tipps zwischen "Steinzeit" und "60er-Jahre-Frauenbild". Die Zeitungsmacher löschten die Liste denn auch fluggs und entschuldigten sich für das "rückständige Frauenbild", das sie offenbar als Text-Vorlage aus dem Archiv herausgekramt hatten. Wieso regt Nhi Le sich jetzt über so olle Kamellen auf?

Oha! Sind vielleicht doch keine sooo ollen Kamellen. Könnten auch Zitate aus aktuelleren Ausgaben speziell für Girls sein. Fotos des Februar-Heftes mit dem Thema 'Die große Flirtschule – so angelst du dir deinen Traumboy!'  lassen befürchten, dass die Tipps doch nicht alt, aber trotzdem immer noch veraltet sind.

12-Jährige brauchen keine Anti-Cellulite-Tipps

Also: Nicht spekulieren, ab zum Kiosk. Dort hole ich mir Ausgabe Nummer 4 von 22.3.2017. Und werde nicht enttäuscht. Vieles steht drin, was meinem Selbstbewusstsein und meiner Ausstrahlung gut tut. So erfahre ich und all die Girls ab zwölf (Mädchen gibt es in dem Heft so gut wie gar nicht), dass sie sich nicht so viele Gedanken machen müssen: "Keine Sorge, auch Mädchen mit volleren Beinen dürfen enge Röhrenjeans tragen." Uff.

Ich lerne, wie ich einen trendy Style zaubere, der "einfach zum Vernaschen süß" ist (nicht vergessen: Zielgruppe ab zwölf) und dass beim Boxen ganz viele Kalorien verbrannt werden. Aber natürlich geht es nicht nur um Äußerlichkeiten. Nein. Auch die inneren Werte zählen. Von GNTM-Models kann ich mir viel zum Thema Charakterbildung abgucken. Beispiele: "Ich bin stolz, bei so vielen hübschen Mädchen mithalten zu können." Und - etwas irritierend, da unter der Überschrift "Mit Make-up kannst du viel erreichen" - dass "Natürlichkeit das Wichtigste" ist.

Dann erzählen mir noch ein paar Jungs, was bei ihnen besonders gut ankommt. So kann die  halbwüchsige Klientel frühzeitig lernen, wie sie ihr Selbst in Hinblick auf die Außenwirkung optimieren kann. Denn darum scheint es im Leben ja hauptsächlich zu gehen.

Nhi Le zeigt sich in ihrem Clip stocksauer über das Frauenbild, das das Magazin für Girls transportiert - Tipps zur Bekämpfung von Cellulite-Pölsterchen inklusive. Dabei ist es nicht so, dass die Illustrierten-Macher nicht auch dazulernen. Laut Nhi Les Clip wurde vor ein paar Wochen den Girls noch geraten, bei Klamotten und Accessoires auf die Farbe rosa zu verzichten (Zitat aus dem Youtube-Video: "Weil du damit zu kindisch wirkst. Und kleine Girls werden nie angesprochen.").

In der aktuellen Ausgabe dagegen empfiehlt das Magazin durchaus die Farbe Rosa. Nein, nicht das Pink von den Frauen-Märschen, sondern eine andere angesagten Variante: "Cosmo Pink". In dieser tollen Farbe und in einem "süßen Etui" ist jetzt nämlich ein kleiner Taschenrasierer erhältlich, damit die zwölfjährige Leserinnenschaft "garantiert keine peinlichen 'Ups, ich habe Stoppeln'-Momente" mehr zu fürchten braucht.

Unter allen Umständen schön sein scheint ein Hauptanliegen zu sein. Und tatsächlich ist die Mehrheit (78 Prozent) der Jugendlichen überzeugt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Beliebtsein und Dünnsein. Nur die Hälfte der zwölfjährigen Mädchen ist mit ihrem Körper zufrieden, schon jede dritte Dreizehnjährige kontrolliert regelmäßig ihr Gewicht. Jede zehnte Elfjährige und jede vierte Zwölfjährige hat schon einmal eine Diät gemacht. Das alles wissen wir aus der 'Dr. Sommer-Studie 2016'. Noch vor fünf Jahren hatten sich - so die entsprechende Vorgänger- Studie - 50 Prozent der 15-Jährigen zu dick gefühlt. Auch das erschreckend. Aber die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper scheint immer jüngere Mädchen zu plagen.

Mädels! Möchte man da rufen. Vergesst all die "Tricks für eine Traumfigur".  Ihr seid mehr als Problemhaut! Denn ihr seid: toll. Einfach so.

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