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Hartz-IV-Empfänger als Kita-Betreuer?

Ursula von der Leyen schlägt Hartz-Iv-Empfänger als Betreuer in Kitas vor
Ursula von der Leyen schlägt Hartz-Iv-Empfänger als Betreuer in Kitas vor © dpa, Michael Reichel

Erzieher fehlen - sind Hartz-IV-Empfänger die Lösung?

Die Zeit läuft: Ab August 2013 haben Eltern einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kitaplatz, wenn ihr Kind das erste Lebensjahr vollendet hat. Beschlossen wurde das Ganze vor vier Jahren unter der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen. Passiert ist bislang nicht viel: Es fehlen noch Zehntausende an Erziehern und Tagesmüttern – wie immer in dieser Republik, wenn es darum geht, etwas für Kinder zu tun, herrscht Mangelverwaltung. Jetzt versucht die Initiatorin des großen Krippenausbaus von der Leyen, das Ruder zu drehen, in dem sie vorschlägt, Hartz-IV-Empfänger zu Erziehern ausbilden zu lassen ...

von Merle Wuttke

Nein, ich will hier keine Polemik vom Zaun brechen oder mich hier als intolerante, zickige Bildungsbürgerin outen, aber ganz im Ernst: An diesen Vorschlag sieht man doch mal wieder, wie viel unseren Politikern, selbst denen, die eine eigene Familie haben, unsere Kinder wert sind. Hartz-IV-Empfänger als Erzieher? Geht’s noch? Wie sollen Menschen, die schon selbst genug Probleme am Hals haben, und in vielen Fällen erst einmal selbst schaffen müssen, wieder in ein geregeltes Leben einzusteigen, einen Job bewältigen, der ein hohes Maß an Belastbarkeit, Hingabe, Frustrationstoleranz und Eigeninitiative erfordert? Sorry, Frau von der Leyen, aber mit dieser Idee kommen Sie bei mir als Dreifach-Mutter nicht weiter. Löffeln Sie mal schön die Suppe aus, die Sie Ihrer Nachfolgerin Kristina Schröder gekocht haben - aber bitte mit vernünftigen Vorschlägen und nicht einem solchen Mist!

Ein Schlag ins Gesicht für Eltern und Erzieher

Denn diese Idee ist ein Schlag ins Gesicht aller Erzieherinnen und Erzieher, die sich seit Jahren engagiert und eigenverantwortlich ihrer wichtigen Aufgabe widmen, und die - bitte nicht vergessen - ihre Ausbildung für diesen Beruf zum einen selbst finanzieren mussten und zum anderen sich seit ihrem ersten Arbeitstag mit einem unverschämt niedrigen Gehalt zufrieden geben, für eine Arbeit, die eigentlich unbezahlbar ist. Und sie ist ebenfalls ein Schlag ins Gesicht aller Eltern, die darauf vertrauen und bauen, ihre kleinen Kinder in eine gut aufgestellte, engagierte und kenntnisreiche Betreuung zu geben - die ihnen ja von der Regierung seit Jahren versprochen wird. Und jetzt das!

Erst sollten Hartz-IV-Empfänger Schnee schippen (Vorschlag von Guido Westerwelle, der aufgrund der allgemeinen Empörung nicht umgesetzt wurde), jetzt sollen sie Kleinstkinder betreuen. Hey, ob Straßen reinigen oder Windeln wechseln, ist doch irgendwie dasselbe, oder was?! Säße ich nicht gerade am Schreibtisch, ich könnte vor Wut zum Mars fliegen, bei solchen Ideen. Erstens, weil Hartz-IV-Empfänger so von Politikern wieder einmal einfach nur instrumentalisiert werden. Zweitens, weil sich Politiker wie von der Leyen oder Schröder sich ihrer Verantwortung entziehen. Drittens, weil Kinder und Eltern mal wieder die Dummen sind. Statt eines wirklich tragbaren Konzepts zum Krippenausbau wird herumgedoktort, improvisiert und geschönt - frei nach dem Motto: Sind ja nur Eltern und keine Banken, die merken schon nicht, wie sie über den Tisch gezogen werden.

Aber falsch gedacht: Wir merken das! Und wer qualifizierte Frauen und Männer in der Arbeitswelt braucht, um die Wirtschaft seines Landes am Laufen zu halten, der sollte sich sehr gut überlegen, wie er mit dem Wichtigsten, was diese Menschen haben - nämlich ihren Familien - umgeht. Nächstes Jahr ist schließlich Bundestagswahl. Und woanders lebt es sich auch gut, Dänemark z.B. hat ganz hervorragende Krippen und Tagesmütter zu bieten. Jobs übrigens auch.

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