PSYCHOLOGIE PSYCHOLOGIE

Harmoniesucht bei Frauen: Woher kommt die Sucht nach Frieden?

Harmoniezwang: Streitendes Paar
Frauen mit Harmoniezwang gehen Streit oft aus dem Weg. © Robert Kneschke - Fotolia, Robert Kneschke

Ist der Wunsch nach Harmonie wirklich typisch weiblich?

Moderatorin Katrin Bauerfeind ist vom weiblichen Harmoniezwang ziemlich genervt: "Bevor ich sagen kann, worum es mir geht, muss ich mich durch mehrere Liter Milchkaffee schlürfen", erklärte die Buchautorin jetzt in einem Interview. Warum gehen viele Frauen Konflikten lieber aus dem Weg?

Von Jutta Rogge-Strang

"Ich finde den Harmoniezwang von Frauen wahnsinnig anstrengend. Das klare Wort ist für Frauen ein Problem", so Moderatorin Katrin Bauerfeind in einem Interview mit 'Emotion'. Aber warum wollen wir Frauen um jeden Preis allen gefallen? Warum ist unsere Angst vor Ablehnung und Kritik so ausgeprägt?

Harmoniesüchtige Menschen sind oft übertrieben angepasst. Dabei verleugnen sie zwangsläufig ihre eigenen Bedürfnisse, Meinungen und Wünsche. Das macht sie natürlich beliebt: Denn wer immer hilfsbereit daherkommt, wirkt auf die anderen pflegeleicht und unproblematisch. Was wir dabei gerne übersehen: Anerkennung, Respekt und Liebe lassen sich nicht kaufen. Man kann es nicht allen recht machen, jeder Mensch hat seine Ecken und Kanten. Dazu muss man allerdings auch Konflikte aushalten.

Woher kommt also der Gedanke, je unkomplizierter ich bin, desto mehr werde ich geliebt? Wie groß ist die Gefahr, ausgenutzt zu werden? Wer nie Nein sagen kann, erfüllt seinen Zweck, das hat aber mit Liebe, Zuneigung und Wertschätzung nichts zu tun.

Ein Schutz vor Kritik ist Perfektion: Wenn wir uns perfekt kleiden, perfekt schminken. perfekt kochen, perfekt benehmen, alles perfekt erledigen, kann uns niemand kritisieren oder ablehnen. Die Folge ist für die Perfektionistin oft ein Burnout oder eine Zwangsstörung. Ein weiterer Schutzmechanismus ist die Rolle der grauen Maus: Wer nie auffällt und sich immer im Hintergrund hält, kann auch nicht kritisiert werden.

Panische Angst vor Kritik

Wir haben Angst, als Person abgelehnt zu werden, wenn man uns kritisiert. Wir leugnen unsere Bedürfnisse und Wünsche und ordnen uns unter. Die Ursachen dafür sind in der Kindheit zu finden. Wenn uns die Eltern kritisiert haben, hatte das Auswirkungen auf unser Selbstwertgefühl. Sätze wie „Mit dir muss man sich schämen“ oder „Du bist eine Versagerin“ können uns in der Kindheit gewaltig zusetzen. Die Angst vor Liebesentzug führt aber zwangsläufig zu der Angst vor Ablehnung und Kritik. Später tun wir fast alles, um von den anderen nicht abgelehnt zu werden.

Aber solange wir selbst schlecht von uns denken, werden das auch andere tun. Je mehr wir uns selbst lieben und wertschätzen, umso gelassener können wir mit Kränkungen umgehen. Nur wir selbst sind für unser Selbstwertgefühl zuständig, und das hat absolut nichts mit guten Noten, beruflichen Erfolgen oder dem Erscheinungsbild und der Figur zu tun.

Jeder Mensch hat Fehler und Schwächen, und kann trotzdem liebenswert und wertvoll sein. Behandeln Sie Ihr eigenes Ich so gut wie Ihre beste Freundin. Und seien Sie nicht mehr so streng mit sich selbst!

Anzeige