Häusliche Gewalt: Was tue ich, wenn Kinder geschlagen werden?

Weinende Frau
Was kann ich tun, um zu helfen? © Berchtesgaden - Fotolia

So reagieren Sie bei häuslicher Gewalt im Nachbarhaus

Abends auf der Couch. Alles ist ruhig. Plötzlich gibt’s nebenan ein heftiges Wortgefecht, Ein Kind weint. Man hört dumpfe Geräusche. Schläge. Das Weinen steigert sich zum Schreien. Das eigene Herz schlägt bis zum Hals, weil man merkt: Das ist kein normaler Streit bei den Nachbarn. Da passiert gerade was Schlimmes. Man will helfen, gleichzeitig hat man Hemmungen sich einzumischen. Kann man als Außenstehender überhaupt helfen? Ganz klar: Ja!

Von Dagmar Baumgarten

Der schlimmste Fehler ist wegsehen. "Ach, ne da war nix - wir streiten doch alle mal! Jetzt bloß nicht hysterisch werden!" So versucht man sich oft selbst, innerlich zum Weghören zu überreden. Das geschieht oft aus purer Angst. Angst, sich zu blamieren, weil man vielleicht die Situation falsch eingeschätzt hat. Aber es ist auch Angst in eine Situation zu geraten, die einen völlig überfordert oder womöglich alles noch schlimmer macht! Doch das darf kein Grund sein, einfach nichts zu unternehmen. Unser Gespür für eine echte Notsituation ist besser, als wir selber denken!

Polizei, Psychologen und das Jugendamt sind sich einig: Wenn man merkt, dass jemand nebenan geschlagen wird, muss man handeln. Lieber einmal zu viel als zu wenig. Fehlalarme kommen viel seltener vor, als man denkt. Denn unbewusst können wir sehr gut unterscheiden zwischen einem verzogenem Kind, das aus Wut oder Trotz kreischt, und einem echten verzweifelten Hilfeschrei. Wir können uns auf unser Bauchgefühl viel besser verlassen als wir meinen, Wir spüren sehr genau, dass ein Kind plötzlich auffallend oft verstört wirkt, oder immer in sich gekehrter an uns vorbei huscht!

Fünf Maßnahmen bei Verdacht auf häusliche Gewalt

1) Sollte es dramatisch und laut werden, muss man die Polizei rufen. Also den Notruf 110 wählen. Die Polizei kann den Täter oder die Täterin sofort der Wohnung verweisen, vorübergehend in Gewahrsam nehmen und den Kontakt zum Opfer verbieten. Eine hilfreiche Anlaufstelle kann auch ein Frauenhaus in der Nähe sein; mittlerweile gibt es in ganz Deutschland mehr als 400 solcher Einrichtungen.

2) Selbst wenn die Polizei wieder abzieht, weil alle Beteiligten beteuern, dass alles ok ist, muss man wachsam bleiben. Die Polizei kann nur handeln, wenn sie Gefahr in Verzug sieht. Wenn Eltern versichern, dass alles ok ist, und das Kind keine sichtbaren Verletzungen hat, kann die Polizei zwar erst mal nichts machen, dennoch bittet sie darum, dass man weiterhin die Augen offen hält. Und hilft, der Gewalt vorzubeugen. Das bedeutet:

3) Unbedingt Kontakt zu den Nachbarn herstellen. Der beste Nährboden für häusliche Gewalt ist die Anonymität. Man sollte andere Nachbarn fragen, ob sie auch diesen Streit mitbekommen haben. Meistens haben nämlich auch andere verdächtige Geräusche gehört. Spätestens dann ist klar: das ist keine Einbildung, oder Hysterie, Alleine zu wissen, dass man mit dem Gefühl nicht alleine steht, gibt Sicherheit Dabei gilt immer:

4) Umsichtig und ruhig handeln. Den Eltern mit der gleichen Aggression zu begegnen, mit der sie selber handeln, ist der falsche Weg. Man muss sich klar machen, dass es meist Überforderung und Hilflosigkeit ist, die Eltern ihre Kinder schlagen lässt. Das soll keine Entschuldigung sein! Aber wenn man sie nicht nur als brutale Monster sieht, ist es leichter auf solche Eltern bzw. Nachbarn zuzugehen. Der weiße Ring rät, dass man sie direkt und ruhig darauf anspricht, dass man öfter hört, dass es Streit gibt, dass Kindererziehung nicht immer leicht ist. Dass man da auch schnell an seine Grenzen stoßen kann, und sich Unterstützung holen sollte... Dabei ist es wichtig zu signalisieren, dass man gerne helfen möchte ohne allzu belehrend zu sein.

5) Auf keinen Fall sollte man sich die Kinder alleine schnappen und unter Druck setzen!, Es nützt nichts, wenn man sie drängt, zu erzählen was denn da zu Hause bei ihnen los ist. Das verschreckt sie nur, und sie ziehen sich noch mehr zurück. Stattdessen ist es wichtig durch immer gleiche Freundlichkeit ihr Vertrauen zu gewinnen. Dann ist die Chance groß, dass sie in Notsituation von alleine kommen.

Leider gibt es keine Patentlösung, die in jeder Situation hilft. Doch gar nichts zu tun, bedeutet die Gewalt hinzunehmen, und damit zu fördern. Deshalb ist unsere Zivilcourage gefordert. Egal, was man tut, es ist alles besser als weghören!

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