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Häusliche Gewalt vermehrt sich nach Fußballspielen

Häusliche Gewalt vermehrt sich nach Fußballspielen
Nach Fußballspielen steigt die Anzahl der Opfer von häuslicher Gewalt © dpa, Maurizio Gambarini

Anzahl der Misshandlungen steigert sich um ein Drittel

"Niemand wünscht sich mehr, dass England gewinnt, als die Frauen" - mit diesem Slogan macht ein britischer Spot auf eine der dunklen Seiten im Umfeld des Fußballs aufmerksam. Der Spot zeigt eine junge Frau, die vor dem Fernseher mit ihrer Mannschaft mitfiebert. Nicht, weil sie sich für das Spiel interessiert, sondern weil sie weiß: Wenn diese Mannschaft verliert, wird ihr Mann zuschlagen. Und sie wird das Opfer sein. Um erschreckende 38 Prozent wächst nach manchem verlorenen Spiel das Risiko, das Ziel häuslicher Gewalttaten zu werden. Ein Drittel mehr Frauen als "normal" werden in ihrer Wohnung Opfer von Misshandlungen.

Von Ursula Willimsky

Gleich mehrere Studien kommen zu diesem oder ähnlichen Ergebnissen. Zwei von ihnen stützen sich auf Auswertungen von Polizeiberichten, gesammelt an WM-Spieltagen der englischen Nationalmannschaft. Beide lassen den Schluss zu: Die Emotionen, die ein Spiel weckt oder verstärkt, können für Frauen gefährlich werden. Wenn ihr Mann sie zuhause zur Zielscheibe für das macht, was in ihm kocht.

Studie 1 aus Lancaster belegt, dass das Risiko häuslicher Gewalt bei einem Spieltag der Nationalmannschaft um 26 Prozent stieg - falls die Mannschaft gewann oder mit einem Unentschieden vom Platz ging. Verlor das Team, schnellte dieser Risikofaktor um 38 Prozent hoch. Laut Studie 2 wuchs die Rate häuslicher Gewalt unmittelbar nach einem verlorenen Spiel um 31,5 Prozent, nach einem Sieg "nur" um 27,7 Prozent (bei einem relativ emotionslosen Unentschieden dagegen konnten die Londoner Wissenschaftler kaum Unterschiede zu normalen Tagen feststellen).

Eine Untersuchung aus den USA – zum Verhalten von Football-Fans – lässt ähnliche Verhaltensweisen mancher Fans befürchten. Hier wurden zusätzlich die Wettquoten betrachtet: Kam eine Niederlage völlig überraschend, wurde das unerwartete Ergebnis besonders vielen Frauen zum Verhängnis. Je frustrierender das Ergebnis ausfiel, desto größer waren die Emotionen, die dann in ihrer negativsten Art und Weise an den Frauen daheim entladen wurden. Zumindest in den USA gab es nach solchen Spielen eheliche Gewalt vor allem in den eigenen vier Wänden: Dort, wo eine Frau kaum eine Chance auf Flucht oder Hilfe von außen hat.

Große Gefühle und Alkoholkonsum sind die Auslöser

Die Studien beziehen sich auf andere Länder, man kann sie nicht einfach auf Deutschland übertragen. Nach unseren Recherchen gibt es für Deutschland bisher keine vergleichbaren Untersuchungen – man müsste also spekulieren, ob auch hier Männer ihre Wut vom Stadion mit nach Hause bringen und dort an ihrer Frau auslassen. Ob auch hier in manchem Wohnzimmer die Freude über einen Sieg umschlägt in Aggression gegen die eigene Frau. Zu denken geben die Studien auf jeden Fall. Es steht zu befürchten, dass auch hierzulande Frauen Opfer einer Gewalt werden, die aus großen Gefühlen - häufig verstärkt durch Alkohol - entsteht. Und die nichts mit dem Spiel auf dem Rasen zu tun hat, auch wenn sie vielleicht in seinem Umfeld entsteht. Die Frage, welche Folgen Aggressionen haben können, die im Dunstkreis sportlicher Großveranstaltungen entstehen, sollte auch für deutsche Sportverbände ein Thema sein.

Denn auch in Deutschland, wie in ganz Europa, gibt es alarmierende Zahlen zum Thema Gewalt gegen Frauen. Ein Drittel aller Frauen aus der Europäischen Union hat schon einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt erleben müssen. Aber viele definitiv betroffene Frauen reden mit niemandem darüber. Terre des Femmes geht davon aus, dass rund zwei Drittel der Gewaltvorfälle innerhalb der Partnerschaft nie angezeigt werden. Weder von den Frauen noch von Nachbarn, die nichts mitbekommen haben. Nicht nach dem Spiel und nicht nach einem ganz normalen Tag.

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