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Häusliche Gewalt: Opfer schreibt ein Lied, das von Stärke zeugt

"Häusliche Gewalt ist kein Thema, das ganz weit weg ist"

Eine junge Frau im Klinikbett. Ihr Gesicht: Übersät mit Schwellungen und Blutergüssen. Leise fängt sie an zu singen. Eine zarte, klare, traurige Melodie. Darrian Amaker erzählt in ihrem Song über häusliche Gewalt, über eine Frau, "deren Seele verletzt wurde". Die Hämatome in Darrians Gesicht sind kein Make-up. Sie lassen sich nach der Video-Aufnahme nicht einfach abschminken, genauso wenig wie die Knochenverletzungen und die Wunden auf ihrer Seele einfach verschwinden werden. Die Sängerin und Fotografin wurde Opfer häuslicher Gewalt. Wie rund 25 Prozent aller Frauen.

Häusliche Gewalt gegen Frauen ist immer noch gegenwärtig
Jede vierte Frau in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Gewalt.

Von Ursula Willimsky

"Häusliche Gewalt ist kein Thema, das ganz weit weg ist. Es betrifft Menschen, die du kennst. Fröhliche Menschen. Menschen, die gerne singen. Menschen, die lieben", schreibt Darrian auf ihrer Facebook-Seite. Dort hat sie auch ihr Video gepostet, das entstand, kurz nachdem ihr "Love" sie stundenlang gequält hatte. In ihrem Lied erzählt sie von einer anderen Frau, von einer, "die den Teufel gesehen hat", und nun an die Nacht zurückdenkt, als sie ihn verließ nach dem betrunkenen Angriff … "she never once looked back".

Den Clip zu posten sei für sie "ein kleiner Triumph. Mein Herz hat Schiffbruch erlitten – ich wollte irgendetwas machen, um wenigstens ein bisschen etwas davon zu retten." Ihr Video hat in den USA andere Frauen dazu bewegt, öffentlich zu erzählen, was sie zuhause, in den vermeintlich sicheren vier Wänden, erlitten haben. Von ihnen gibt es viel zu viele.

'Wer schlägt, der geht!'

Laut repräsentativen Studien hat auch in Deutschland jede vierte Frau "mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch Beziehungspartnerinnen und Beziehungspartner erlebt", schreibt das Familienministerium (BMFSFJ), "Frauen sind demnach von häuslicher Gewalt mehr bedroht als durch andere Gewaltdelikte wie Körperverletzung mit Waffen, Wohnungseinbruch oder Raub." Das Risiko ziehe sich durch alle sozialen Schichten.

Inzwischen gibt es immerhin einen Perspektiven-Wechsel, wenn über häusliche Gewalt gesprochen und gegen sie vorgegangen wird. 'Wer schlägt, der geht!' sei zu einem Leitmotiv veränderter staatlicher Intervention geworden, betont das Ministerium. Dennoch bleibt Häusliche Gewalt ein tagtägliches Delikt, unter dem Frauen und ihre Kinder leiden. Nicht von allen weiß man. Niemand kann sagen, wie hoch die Dunkelziffer ist. Nicht jede Frau wagt es, die Polizei zu rufen. Nicht jede will sich Hilfe von amtlicher Seite holen.

Ob eine Frau Anzeige erstattet, mit dem Durchlebten an die Öffentlichkeit geht, welchen Weg sie findet, um zu verarbeiten, was ihr angetan wurde – es ist immer die Entscheidung des Opfer. Darrian hat sich dazu entschlossen, ihren Clip im Netz zu veröffentlichen – es war "das einzige, was ich wirklich wollte", schreibt sie in ihrem bewegenden Post.

Darrian zeigt der Welt ihr malträtiertes Gesicht. Zunächst geschützt durch ihr kleines Lied – am Ende des Clips ganz nah. Mit einem Blick, der das Herz für einen Moment stocken lässt, während die eigenen Augen und der Verstand versuchen, zu begreifen, was geschehen sein muss in diesen zehn Stunden kurz nach Thanksgiving.

"I was supposed to die" schreibt sie, "ich sollte sterben." Stattdessen hat sie sich dazu entschlossen, zu kämpfen und zu leben: "Wir, die wir lieben, dürfen häusliche Gewalt nicht tolerieren. Wir, die wir leben, müssen dem Leben eine Chance geben."

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