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Häusliche Gewalt: Manche Opfer müssen Platz im Frauenhaus selbst zahlen

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A young woman looking anxious and fearful
25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen haben Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. © www.PeopleImages.com License Restrictions Apply, JB-YAPR

Im Stich gelassen: Viele Frauenhäuser haben keinen Platz

Wenn eine Frau Opfer häuslicher Gewalt wird, braucht sie Hilfe und Schutz. Und zwar sofort. Aber ob eine Frau tatsächlich Platz in einem Frauenhaus findet, ist alles andere als sicher. Auch in Deutschland scheint diese derartige vermeintliche Selbstverständlichkeit immer noch keine Realität zu sein.

Zu wenig freie Betten: Jede zweite Frau wird abgewiesen

Bundesweit müssen Frauenhäuser jede zweite hilfesuchende Frau abweisen, weil die wenigen Betten bereits belegt sind; einige der Misshandelten könnten sich den Aufenthalt im Frauenhaus ohnehin nur leisten, wenn sie einen Kredit aufnehmen – denn einen Platz im Frauenhaus gibt es nicht immer umsonst! Wir haben mit Eva Risse von der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) darüber gesprochen, weshalb nach wie vor der Wohnort darüber entscheidet, ob Opfer häuslicher Gewalt Schutz finden und was Bund, Länder und Gemeinden ändern müssten.

Damit alle Opfer häuslicher Gewalt sofort eine sichere Zuflucht finden, müsste je 7.500 Einwohner ein Platz in einem Frauenhaus zur Verfügung stehen. So empfiehlt es der Europarat. In Deutschland sieht die Situation anders aus: Bremen und Sachsen-Anhalt zum Beispiel erfüllen diese Quote, in Bayern hingegen gibt es nur für 17.000 Einwohner jeweils einen Platz. "Ein eklatanter Mangel", sagt Risse, "der dazu führt, dass Frauenhäuser im Schnitt mehr als jede zweite Schutzsuchende abweisen müssen."

Ihr Verband kämpft seit langem dafür, dass "die Frage, ob ein Gewaltopfer sofort adäquaten Schutz findet, nicht länger Zufall – also eine Sache des Wohnortes – bleibt." Ähnlich formuliert es der Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF) in einer Pressemitteilung: "Um diese Missstände zu beseitigen, fordert der SkF einen bundesgesetzlichen Rechtsanspruch, um gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder endlich besser zu schützen."

Der Schutz vor Gewalt sollte Pflichtaufgabe des Staates sein

Bitter, dass eine derartige vermeintliche Selbstverständlichkeit noch immer nicht Realität ist. Eine der größten Hürden scheint – wenig überraschend – die Finanzierung der Frauenhäuser zu sein. Selbst Verfassungsrechtler, so Risse, sind sich nicht einig, ob dafür nun der Bund, die Länder oder die Kommunen zuständig sind. Weshalb dieser Schwarze Peter seit Jahren zwischen den möglichen Beteiligten hin- und hergeschoben wird. "Wir finden: Häusliche Gewalt müsste endlich als Frage der Inneren Sicherheit eingestuft werden und damit zur Bundessache werden", sagt Risse, "immerhin sterben jedes Jahr etwa 150 Frauen durch die Hand ihres Partners".

Eine bundeseinheitliche, einzelfallunabhängige und bedarfsgerechte Finanzierung der Frauenhäuser aus gesetzlicher Grundlage würde – so ihre Hoffnung – endlich einige Missstände beenden. "Bisher ist ja so, dass viele misshandelte Frauen doppelt betroffen sind: Sie haben Gewalt erfahren – und ihnen wird kein Schutz gewährt."

Es fehlen 4.000 Plätze in Frauenhäusern

Momentan bieten die Frauenhäuser in Deutschland rund 6.700 Betten an – es müssten aber 4.000 mehr sein, um alle Frauen aufnehmen zu können. Die Frauenhäuser sind überfüllt. Was auch daran liegt, dass vor allem in Großstädten und Ballungsräumen die Frauen nur geringe Chancen haben, eine eigene bezahlbare Wohnung zu finden – viele müssen wegen der Wohnungsnot länger als geplant im Frauenhaus bleiben. Und blockieren damit notgedrungen Plätze.

Wenn sie sich den Aufenthalt im Frauenhaus überhaupt leisten können. Viele Frauenhäuser finanzieren sich – ähnlich wie Krankenhäuser – über Tagessätze. Wer nicht Hartz IV-berechtigt ist (Studentinnen zum Beispiel oder Flüchtlingsfrauen), muss den Tagessatz selbst zahlen. Notfalls per Kredit. Oder das Frauenhaus muss die Kosten aus Spenden ausgleichen.

Ein Monat kann rasch über 1.500 Euro kosten: Wer kann sich das nebenher leisten? Selbst vermeintlich Wohlhabende nicht: Was hilft ihnen die eigene Wohnung, in der noch immer der gewalttätige Ehemann lebt, wenn genau dieses Wohnungseigentum verhindert, dass sie mit Hartz IV unterstützt werden? Zudem sind auch viele Berufstätige mitunter gezwungen, eine Aufstockung zu beantragen, weil ihr Gehalt schlichtweg eben nicht fürs Leben und das Bett im Frauenhaus reicht. So schildert Risse die Situation.

Mehr Hilfe für Gewaltopfer

Dabei gäbe es schon heute eine andere Finanzierungsvariante: Die Platzpauschalen, wie sie zum Beispiel in Schleswig-Holstein angewandt wird. Übrigens das einzige Bundesland, so Risse, in dem es bisher eine einheitliche gesetzliche Regelung gibt. Dort werden alle Häuser aus einem großen Topf finanziert –  dort muss kein Gewaltopfer hochverschuldet in ein neues Leben starten.

Es wird dringend Zeit für mehr Frauenhäuser mit mehr Personal und mehr freien Betten. Damit alle gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder Hilfe und Schutz finden können. Sofort. Und überall in Deutschland.

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