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Häusliche Gewalt: Make-up-Video schockt Frauen

Häusliche Gewalt einfach wegschminken?

Lauren Luke ist ein britischer Youtube-Star, sie erteilt ihrem Publikum Lektionen in der Kunst des Schminkens. Ihre Popularität hat sie nun genutzt, um auf das Thema häusliche Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. In einem Video führt sie vor, wie sich Opfer die Spuren von Prügeln wegschminken können. Dahinter steht eine Kampagne: Frauen sollen ermutigt werden, sich Hilfe zu holen anstatt Gewalt zu verheimlichen.

Von Christiane Mitatselis

"How to look your best the morning after" ist der zynische Titel des Videos. Nachdem Luke gezeigt hat, wie man Concealer und Puder richtig appliziert, um ein blaues Auge, Schrammen und Würgemale am Hals zu übertünchen, folgt die Auflösung: Ein schwarzes Bild wird eingeblendet, auf dem in weißen Buchstaben zu lesen ist, dass 65 Prozent der Frauen, die in Großbritannien häusliche Gewalt erleiden, dies verheimlichen. "Vertusche es nicht!", ist die Botschaft, die Luke an ihre Zuschauerinnen sendet. Produziert wurde der kurze Film in Kooperation mit der britischen Hilfsorganisation "Refuge", die sich um misshandelte Frauen und Kinder kümmert.

Leider ist häusliche Gewalt kein Einzelfall

Die Schrammen, die sich Luke in dem Video weggeschminkt, sind nicht echt. Die 31-Jährige weist aber in einem Interview darauf, dass sie wisse, wovon sie spreche: "Ich hatte eine schlechte Erfahrung mit einem früheren Freund. Es kam nicht so weit, dass er mich physisch verletzt hat, manchmal hatte ich aber Angst davor, was passieren würde, wenn ich ein falsches Wort sage. Es war, als lebte ich mit einem Vulkan, der immer ausbrechen kann."

Es ist ein trauriges Thema. Laut "Refuge" ist in Großbritannien jede vierte Frau in ihrem Leben mindestens einmal von häuslicher Gewalt betroffen. Diese Zahl trifft auch auf Deutschland zu. Schwere oder wiederholte Gewalt in Beziehungen erleben etwa zehn Prozent aller Frauen. Eine Studie der Gewaltkommission der Bundesregierung stellte zudem heraus, dass Frauen aller Altersklassen und aus allen sozialen Schichten betroffen sind. Frauen werden nicht nur geschlagen, sondern auch psychisch unter Druck gesetzt und gedemütigt. Von den insgesamt 313 Frauen, die 2011 in Deutschland umgebracht wurden, wurden laut 'terre de femmes' 154 mutmaßlich von ihren Partnern ermordet.

Dass Frauen dazu neigen, die Gewaltakte ihrer Männer zu verheimlichen, hat vor allem mit der Angst vor weiteren Attacken zu tun. Andererseits gibt es auch Frauen, die nicht wahrhaben wollen, dass die Beziehung am Ende ist. Sie vertuschen deshalb das, was nicht sein darf. Wie auch immer: Luke will die Opfer in ihrem Video dazu animieren, nicht zu schweigen, und sich von Organisationen wie "Refuge" helfen zu lassen.

Die Make-up-Spezialistin erreicht ein großes Publikum, bei Youtube hat sie als Panacea81 mehr als 468.000 Subscriber. Ihr Anliegen ist ehrenhaft, doch ob ihre Botschaft auch bei allen Zuschauerinnen ankommt? Es ist immer heikel das Gegenteil von dem zu sagen, was man eigentlich meint. Die zynische Verkehrung - ich schminke mir die Schrammen weg, will aber in Wahrheit sagen, dass man Gewalt nicht vertuschen soll - wird nicht von jedem Menschen automatisch als solche erkannt. Heißt: Es kann auch passieren, dass geprügelte Userinnen die Schminktipps schlicht umsetzen - und sie genauso hilfreich finden, wie alle anderen Make-up-Lektionen, die Luke ins Netz gestellt hat.

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