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Häusliche Gewalt: Jede 4. Frau war schon einmal Opfer ihres eigenen Partners

Viele Opfer von Gewalt schweigen

Jede vierte Frau hat schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt. Im Jahr 2012 wurden insgesamt 15.797 Fälle häuslicher Gewalt registriert. Der überwiegende Teil aller Tatverdächtigen war männlich (76 %). Der Jahrestag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen soll auf diese erschreckende Zahl aufmerksam machen. Punkt 12-Reporterin Anke Reichardt hat eine Frau getroffen, die es geschafft hat, sich zu trennen, und eine andere, die Betroffenen dabei hilft.

Häusliche Gewalt: Jede 4. Frau war schon einmal Opfer ihres eigenen Partners
Wenn der eigene Partner zum Täter wird, empfinden viele Frauen Scham, Wut und Ohnmacht. Viele Frauen erdulden ihr Schicksal still schweigend, statt Hilfe in Anspruch zu nehmen. © dpa, Maurizio Gambarini

Kristin Fischer ist Sozialpädagogin und arbeitet in einem Frauenhaus. „Wir haben in Deutschland 350 Frauenhäuser und es ist ganz klar, dass auch immer wieder Frauen abgewiesen werden müssen. Für uns als Mitarbeiterin ist es natürlich schwierig, einer Frau sagen zu müssen, dass wir ihr keinen Schutz anbieten können“, erzählt Fischer bedrückt.

Bis ein Fall häuslicher Gewalt überhaupt registriert wird, vergehen oft Jahre, viele Frauen schweigen ein Leben lang. Auch Anna (28) hat sich geschämt, als ihr Freund sie das erste Mal schlug. Er hatte Stress im Job. Das Paar streitete sich. Als er nach Hause kam, schleuderte er Anna aufs Bett und fing an, sie zu würgen und ins Gesicht zu schlagen. „Immer wenn du mir eine falsche Antwort gibst, schlage ich dir ins Gesicht“, schrie er Anna dabei entgegen. „Er war völlig wie ausgewechselt“. Sie fühlte sich zunächst schuldig und grübelte, ob sie vielleicht schuld sei, da sie ihren Freund provoziert haben könnte.

Frauenhäuser bieten Gewaltopfern Schutz

Die naheliegende Frage, warum die Frauen denn nicht früher gehen und Hilfe suchen, beantwortet Fischer so: „Das sind Abhängigkeiten. Frauen werden mit dem Leben bedroht, teilweise auch über die Kinder.“ Zwei Jahre lang erduldete Anna die Demütigungen und Schläge ihres Freundes. „Ich wollte einen Vater für mein Kind, weil ich selbst ohne Vater aufgewachsen bin“, erzählt Anna heute.

Doch für Kinder ist das Miterleben der Gewalt besonders schlimm, weiß Fischer: „Gewalt gegen die Mutter ist gleichzeitig auch Gewalt gegen das Kind.“ Vor drei Wochen schließlich suchte Anna Hilfe in einem Frauenhaus: „Ich habe es nicht bereut“, sagt sie. „Andere Frauen hätten vielleicht Angst davor. „Aber ich finde, dass keine Frau Angst davor haben sollte. Man muss den Schritt einfach wagen, auch wenn er schwer ist“, sagt Anna und will damit auch anderen Frauen mit dem gleichen Schicksal Mut machen.

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