Haben Frauen wirklich weniger Willenskraft?

Haben Frauen wirklich weniger Willenskraft?
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Willenskraft kann erlernt werden

Sind Frauen etwa doch das schwächere Geschlecht? Angeblich haben wir von Geburt an weniger Willenskraft als Männer! Milliarden Diäten scheitern also an fehlender weiblicher Selbstkontrolle. „Starke Männer - schwache Frauen“ - laut einer neuen Studie der Uni Stanford stimmt dieses uralte Macho- Klischee. Kein Grund zu verzweifeln, denn wir können es selber ändern. Aber wie trainiert man Willenskraft?

Von Dagmar Baumgarten

Wir haben einen schwächeren Willen als Männer. "Absolut unmöglich!", war meine erste Reaktion. Aber wenn man mal nachdenkt, kennt ihr das nicht auch? Die Kollegin hat Geburtstag und Schokoladenkuchen mitgebracht. Aber nicht für mich. Ich bin auf Diät. Ich werde widerstehen! Zwei Stunden später: Was ist schneller geschmolzen - der Schokoladenguss oder meine Willenskraft? Schwer zu sagen, jedenfalls landete der Kuchen natürlich über den kurzen Umweg Gabel und Teller doch auf meinen Hüften.

"Ist ja kein Problem. Das jogge ich am Abend auf jeden Fall wieder weg", dachte ich. Im Laufe des Nachmittags wurde daraus ein Wahrscheinlich, später ein Vielleicht, es endete mit dem Üblichen: "Aber Morgen ganz bestimmt, ehrlich und ohne Widerrede!" Natürlich weiß ich nicht mal mehr, wo meine Joggingschuhe überhaupt stehen! Das zeugt nicht gerade von Willensstärke. Und daran ist also mein Frauenhirn schuld? Irgendwie schon, aber jetzt kommt die gute Nachricht: Ich kann das trotzdem ändern!

Denn Willensstärke kann man trainieren. Weibliche Gehirne sind nicht wirklich schwächer als die Männlichen. Wir nutzen sie nur anders. In Sachen Entscheidungen fällen sind wir den Männern nämlich überlegen, so die Forscher. Das hört sich zunächst gut an, laugt das Gehirn aber aus, so dass für die Selbstdisziplin nicht mehr genügend Power übrig bleibt, besonders wenn es sich für das Gehirn um scheinbar unwichtige Dinge handelt.

Willenskraft und Disziplin nur bei Männern?

Laut der Studie hängen die Bereiche Entscheidungen fällen und Willenskraft eng zusammen. Männer und Frauengehirne starten eigentlich gleich in den Tag. Allerdings werden 80% aller Entscheidungen, die im Haushalt so anfallen, von den Frauen gefällt. Wenn dann noch ein stressiger Job dazu kommt, findet das weibliche Gehirn, dass es abends vor dem Teller Chips mal eine Auszeit verdient hat. Fehlende Disziplin und Selbstkontrolle hängen also eng mit der Erschöpfung des Gehirns zusammen: Wer den ganzen Tag rotiert, kann sich nicht mit der gleichen Power dem inneren Schweinehund widmen wie jemand, der sein Gehirn eher schont.

Wenn man also wieder mal in der "OK, nur noch ein Stück Schokolade - aber ab Morgen mach ich Diät!"-Schleife hängt, braucht sich nicht mehr in Selbstzweifeln zu suhlen. Es ist nur ein Zeichen, dass man gerade Entscheidungsweltmeister ist. Bleiben also zwei Dinge

1) Den Typen, der aufgehört hat zu rauchen, gleichzeitig 50 Kilo abgenommen, und auch noch bei Wind und Wetter trainiert, nicht mehr so bewundern. Er ist gar kein Held. Es ist einfach ein Mann, dem seine Frau alle Entscheidungen im Haushalt abnimmt, und der im Büro wahrscheinlich eine Power-Chefin sitzen hat, die dort auch alle Entscheidungs-Fäden in der Hand hält.

2) Falls das Stück Torte wirklich auf dem Teller liegen bleiben soll, muss ich mich entscheiden, auf ein paar Entscheidungen in meinem Leben zu verzichten…

…aber auf welche bloß? Verdammt, wie mich dieses Stück Schokolade da wieder anlacht!

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