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Haarprobe als Nachweis fürs Kiffen noch rechtskräftig?

Cannabis-Rückstände lassen sich auch über Hautkontakt übertragen.
Cannabis-Rückstände gelangt nicht nur über den Blutkreislauf in die Haare. Auch über Körperkontakt. © picture-alliance/ dpa, Daniel Karmann

Cannabis-Spuren durch Hautkontakt

Cannabis-Konsum konnte man bisher über einen einfachen Haar-Test nachweisen. Nun hat eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin des Uniklinikums Freiburg aber bewiesen, dass der Wirkstoff THC und seine Abbauprodukte (Cannabinoide) nicht wie bisher angenommen, durch den Blutkreislauf in die Haare gelangen. Schon der bloße Hautkontakt mit anderen reicht aus, um Rückstände zu übertragen.

Die Freiburger Studie trägt den Titel "THC-Nachweise im Haar müssen nicht auf Cannabiskonsum hinweisen" und wurde durchgeführt unter der Leitung des Toxikologen Prof. Dr. Volker Anwärter. Das Team wies nach, dass die Einlagerung von THC nichts mit dem Cannabis-Konsum zu tun hat. Eines der Abbauprodukte von THC (THC-COOH), das in Zweifelsfällen bisher sogar als eindeutiges Indiz für Cannabiskonsum herangezogen wurde, kann auch über Schweiß auf andere Personen übertragen werden. Sind Haarproben also als sicheres Indiz für Cannabis-Konsum überhaupt nicht mehr rechtsgültig?

Bekannt ist, dass auch Nicht-Konsumenten, die passiv Cannabis rauchen zur Rechenschaft gezogen werden können. Ein Urteil aus dem Jahr 2014 (Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, AZ 9 L 541/14) ließ sogar die Klage eines Nicht-Konsumenten abprallen, der im Straßenverkehr positiv auf THC getestet wurde. Der Kläger gab an, sich bei Freunden aufgehalten zu haben, die Cannabis konsumiert hätten. Der Richter entschied jedoch, dass auch passiver Konsum ein bewusster Konsum ist. Zudem begründete das Gericht sein Urteil damit, dass auch passiver Konsum einen Rauschzustand auslösen könne. Dies wurde jedoch unter anderem von einem Forschungsteam der Universität Mainz und der Universität Jena durch diversen Studien in der Vergangenheit widerlegt.

„Schweiß-THC ist unbedenklich“

Der gesundheitliche Aspekt kann also bei der reinen Übertragung von Cannabis-Abbauprodukten über die Haut vernachlässigt werden, sagt auch Dr. Christoph Specht, Arzt und Medizinjournalist aus Düsseldorf: „Bei der THC-Resorption über die Haut von Konsumenten werden so geringe Mengen übertragen, dass sich bei anderen Menschen keine gesundheitlichen Auswirkungen zeigen können“, zudem seien die forensischen Aspekte viel wichtiger, wie die Haarprobe bei Abstinenzkontrollen auffällig gewordener Straßenverkehrsteilnehmer. Diese müssen nach der positiven Blutprobe nämlich zur MPU (auch bekannt als Idiotentest) und sich regelmäßigen Kontrollen unterziehen, unter anderem der Haarprobe. Wer erneut auffällig wird, kann seinen Führerschein dann für immer verlieren. „Eine Cannabinoid-Übertragung bei engem Körperkontakt ist besonders wahrscheinlich und kann zu völlig falschen Rückschlüssen führen“, sagt Prof. Auwärter, Leiter der Studie. Auch in Ländern, in denen bei Arbeitnehmern oder Bewerbern Drogenkontrollen durchgeführt werden, könne die Folge einer Fehlinterpretation der Ergebnisse einer Haaranalyse zum Verlust des Arbeitsplatzes oder zum Ausschluss vom Bewerbungsverfahren führen, so der Experte.

THC in Kinderhaaren

Im Rahmen der Studienexperimente wurden auch Kinder untersucht. Erschreckend: Bei einem Kleinkind unter zwei Jahren wurden Rückstände von Cannabinoiden im Haar gefunden. Im familiären Umfeld des Kindes habe es Konsumenten gegeben, das Kind sei jedoch nie direktem Cannabis-Rauch ausgesetzt gewesen. Die Rückstände sind also über bloßen Körperkontakt in den Kreislauf des Kindes gelangt. Prof. Dr. Auwärter erklärt in seiner Studie, warum eine überspitzte Interpretation von Cannabinoiden in Haaren schwerwiegende Folgen haben kann: „Die neuen Erkenntnisse sind insbesondere bei Analysen von Kinderhaarproben im Rahmen von Sorgerechtsfragen von Bedeutung“, so der Toxikologe.

Studie ist kein Freifahrtschein für Cannabis-Konsum

Aber wie ist das jetzt eigentlich mit dem gesetzlichen Nachweis bei Fahreignungsüberprüfungen? Muss die Gesetzeslage neu geregelt werden? „Nein“, sagt Björn Schüller, Rechtsanwalt für Betäubungsmittelrecht und Verkehrsrecht: „Es bedarf vermutlich keiner gesetzlichen Regelung. Es reicht aus anwaltlicher Sicht schon aus, wenn man so weit kommt, dass die Haarproben mangels Einhaltung wissenschaftlicher Standards nicht mehr verwendet werden dürfen.“ Das heißt im Klartext: Man kann Haarproben in Zukunft anzweifeln. Schüller geht sogar noch weiter: „Die Studie wird im Bereich des Fahrerlaubnisrechts dazu führen, dass man den Nachweis über gelegentlichen Cannabiskonsum nicht mehr mit der Haaranalyse durchführen kann.“

Dauerkonsumenten sollten sich trotz allem nicht zu früh freuen: Um Abstinenz bei auffällig gewordenen Konsumenten nachzuweisen, greifen die Behörden auch zu anderen Methoden als einer Haarprobe: Vier bis sechs unangekündigte Urin-Screenings werden pro Jahr angeordnet. Man kann davon ausgehen, dass nach diesen Studienergebnissen die Haarprobe auf Dauer abgeschafft wird oder zumindest nicht mehr vor Gericht gültig ist. Bei positivem Ergebnis einer Urinprobe gibt es dann aber kein Rausreden mehr, denn Cannabinoide gelangen nur durch aktiven Konsum in Urin und Blut. Laut Rechtsanwalt Schüller wird man nun erst mal abwarten müssen, wie die Gerichte auf die Studie reagieren.

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