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Große Diskussion bei Facebook: Zoff um Schokokuchen in der Kita-Brotdose

Zettel in der Brotdose
Diesen Zettel fanden die Eltern in der Brotdose vor: Eine Ermahnung der Erzieherin. © Facebook/Melinda Tankard Reist

Sache der Erzieherinnen oder der Mamas?

Jaaaa. Wem sollen wir nun Recht geben? Den Leuten, die Schenkelklopfer wie 'food Nazis' ins Netz bellen und damit drohen, morgen mit einer Tüte Gummibärchen und einer Flasche Cola in den Kindergarten zu gehen? Oder den Bedächtigen, die daran erinnern, dass es immer mehr Jugendliche mit deutlichem Übergewicht oder Diabetes gibt? Über tausend Facebook-Kommentare diskutieren die große Schokoladenkuchen-Frage. Der Hintergrund: Ein Dreijähriger hatte ein Kuchenstück in seiner Brotbox, die Erzieherin schickte daraufhin der Mutter ein Denkzettelchen mit grimmig dreinblickendem Smiley.

Von Ursula Willimsky

Das Zettelchen veröffentlichte eine Freundin der Mutter – die Frauenrechtlerin Melinda Tankard Reist - auf Facebook. Dort ist der böse Smiley zu sehen, mit passendem Text: "Ihr Kind hatte heute Schokoladenkuchen dabei, also etwas aus der roten Essens-Kategorie. Bitte wählen Sie gesündere Optionen aus." Das Formular selbst ist offenbar vorgedruckt, die Erzieherin muss jeweils nur noch das zu bemängelnde Pausenbrot eintragen.

So what? Offenbar gibt es in dieser Kita strenge Regeln, was die Ernährung anbelangt. (Und die Erfahrung lehrt: Solche Regeln werden selten ohne Zutun einer engagierten Elternschaft erlassen). Und offenbar hat die Mutter mit ihrem Schokokuchen gegen die Vorgaben der Essens-Ampel verstoßen. Eigentlich sollten alle Eltern allen Erzieherinnen dieses Schlages dankbar sein. Solange sie beherzt durchgreifen, hat man zu Hause keinen Brass mit Sätzen wie "Der Maximilian hat aber auch immer Schokoaufstrich auf seinem Brot". Auch Wünsche nach der großen Bonbon-Tüte ("Die Constanze hat schon wieder was zum Verteilen dabeigehabt, ich will das auch mal!") kann man mit Hinweis auf die Kita-Regeln abbügeln. Manchmal erleichtern Regeln von außen schlichtweg das Leben.

Ein Stück Kuchen hat noch niemandem geschadet!

Auf Facebook sehen das aber nicht alle so. Mehr als tausend Kommentare streiten sich über den Schokokuchen-Eklat, der sich zwar in Australien zutrug, aber genauso auch hierzulande stattfinden könnte.

Im Wesentlichen folgt diese Diskussion zwei Richtungen. Richtung Eins echauffiert sich darüber, dass die Erzieherin kein Recht dazu hat, sich einzumischen und damit Mamis Oberhoheit über die Ernährung der Kinder zu torpedieren. "Erst wenn ihr mir meine Lebensmittel zahlt, könnt ihr mir vorschreiben, wie ich meine Kinder ernähre." "Das sind unsere Kinder. Wir sind die Eltern - ihr die Erzieher." "Ich würde beim nächsten Mal gleich mehrere Stücke Kuchen mitgeben. Plus Eiscreme mit Sirup." "Die Erzieherin sollte sich um ihren eigenen Kram kümmern. Ich würde mich bei der Leitung beschweren."

In dem Stil geht es munter weiter. Dazwischen: die leiseren Töne. Immer mehr Jugendliche sind adipös oder leiden an Diabetes, solche Anmerkungen eben. Die mitunter sogar in einem "Ich finde die Idee gut, dass Eltern und Kinder zu einer gesünderen Ernährung erzogen werden" gipfeln. Denn nicht zu vergessen: Wir sprechen von einem der Industrie-Länder, in denen Übergewicht ein ganz schwerwiegendes Problem ist. Laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) steigt in Australien die Zahl derer, die ein zu großes Ränzlein mit sich herumtragen, immer noch zu schnell an. Mit allen Folgen, die man so als Zivilisations-Krankheiten kennt.

Wir fragen uns: Ist es da nicht legitim, dass auch die sogenannten Institutionen sich um ein bisschen mehr Ernährungsbewusstsein sorgen? Selbst wenn uns allen das leckere Franzbrötchen mit extra Butter nicht geschadet hat? Eine Freundin von mir ernährte sich in frühen Schultagen häufig von weißen Brötchen und Chips. Sie fuhr aber auch jeden Tag über fünf Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule. Beides heute vermutlich kaum noch vorstellbar.

Außerdem finden wir es gar nicht so schlecht, wenn in Gemeinschaften auf die Einhaltung von Regeln geachtet wird. Erlaub ich's einem, muss ich es nämlich allen erlauben. Das Nuss-Nougat-Brötchen genauso wie das Rumkrakeelen in den Ruhezeiten.

Vor allem, weil die Erkenntnis, wie wichtig gesunde Ernährung ist, sich nur ganz verhalten auch im Alltag niederschlägt. Der aktuelle 'Ernährungsreport' des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft spricht da Bände: 89 Prozent aller Befragten finden, dass gesundes Essen wichtig ist. Aber nur 39 Prozent kochen frisch. 60 Prozent der 19- bis 29-Jährigen greifen seeeehr gerne zu Tiefkühl-Pizza und anderen Fertiggerichten. Haben die nicht schon im Kindergarten gelernt, wie es besser geht?

Also: Wissen tun es fast alle. Aber in die gute, vitamin- und ballaststoffreiche Tat umsetzen tun es nur wenige. Ist doch auch mal nett, wenn einen jemand dabei hilft, dass das eigene Kind später nicht zu den 60 Prozent gehören wird. Für eine nicht ganz so gute Idee würden wir es in diesem Zusammenhang allerdings halten, diese Frage in der großen Runde einer Elternversammlung zu klären. Hier steht zu befürchten, dass 21 anwesende Erziehungsberechtigte auch 21 individuelle Ernährungsvorlieben als die einzig wahren durchpressen wollen. Dann doch lieber ein Dekret von der Kita-Leitung. Oder ernährungstechnische Anarchie!

Wer fürchtet, dass das Kind unterzuckert, kann den Rest (Schokoschlacht, Chipsorgie, Fastfood) in seiner Eigenschaft als Inhaberin des Allein-Erziehungsrechts dann ja immer noch außerhalb der Kita-Zeiten ausleben. Kann durchaus Pluspunkte auf dem Sympathie-Konto als Mama bringen. Die weiß schließlich auch am besten, wann es genug ist mit Gummibärchen und Co.

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