Gorleben: Es werden immer weniger Mädchen geboren

Ist radioaktive Strahlung in Gorleben schuld am Mädchenschwund?
Ist radioaktive Strahlung in Gorleben schuld am Mädchenschwund? © Michaela Brandl

Ist radioaktive Strahlung in Gorleben schuld am Mädchenschwund?

Es ist beängstigend, was Forscher verschiedener Disziplinen da herausgefunden haben: In der Region um das Atommüll-Zwischenlager Gorleben in Niedersachsen werden deutlich weniger Mädchen als Jungen geboren. Die Forscher halten dies nicht für einen Zufall, sie gehen vielmehr davon aus, dass dies auf den Einfluss radioaktiver Strahlung zurückzuführen ist.

Von Christiane Mitatselis

Den Anfang machte ein Biomathematiker: Hagen Scherb vom Helmholtz-Zentrum München wertete die Geburten-Zahlen in einem 40-Kilometer-Radius rund um das Lager von Gorleben aus. Sein Ergebnis: In den Jahren von 1996 bis 2010 wurden dort 1.000 Mädchen weniger geboren als nach den Statistiken der Vorjahre zu erwarten gewesen wären. 1995 rollten die ersten Züge mit radioaktiver Fracht in die Region. Das könne kein Zufall sein, meint Scherb: In Gorleben seien andere Ursachen als die hochradioaktiven Abfälle nicht erkennbar. In einem Castor-Behälter werden Brennelemente eines ganzen Atomkraftwerks transportiert.

Hinzu kommt: In anderen Regionen, die künstlicher radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind oder waren, wie etwa im ukrainischen Tschernobyl, wo vor 26 Jahren der Reaktorblock 4 explodierte, fanden Forscher ebenfalls eine ‚Mädchenlücke‘. Scherb bekam Unterstützung von Professor Karl Sperling, Humangenetiker der Berliner Charité. Ionisierende Strahlung wirke genverändernd und könne auch das Geschlechterverhältnis der Geburten beeinflussen, meint er und erklärt das Phänomen so: Die frühe Entwicklungsphase rund um die Befruchtung sei ein fehleranfälliger Prozess, der sehr sensibel auf ionisierende Strahlung reagiere.

Strahlung in Gorleben schädigt Chromosome

So sei es möglich, dass es durch Strahlung zu einem Verlust oder einer Schädigung des väterlichen X-Chromosons komme, so dass weibliche Embryonen geschädigt würden – und im Mutterleib frühzeitig abstürben. So etwas geschieht meistens so früh, dass es die Frau gar nicht bemerkt, oft hat sie nur eine etwas stärkere Menstruation. Das männliche Y-Chromson sei dagegen kleiner und weniger komplex. Aus diesem Grund sei der Befruchtungs-Prozess weniger fehleranfällig. Und so kann es laut Professor Sperling dazu kommen, dass in den betroffenen Regionen mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Sein wissenschaftlicher Schluss: „Derartige Abläufe in der frühesten embryonalen Phase können die Tatsache, dass auch unter sehr niedriger Strahlenbelastung weniger Mädchen geboren werden als Jungen, prinzipiell erklären.“ Den Zufall als Ursache schließt er aufgrund der vielen übereinstimmenden Befunde ebenfalls aus.

Politiker haben bisher nicht auf die beängstigenden Ergebnisse reagiert. Das niedersächsische Landesgesundheitsamt stellte in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr zwar ebenfalls fest, dass sich das Geschlechterverhältnis in Gorleben seit den ersten Castor-Transporten verändert habe. Den Zusammenhang zur radioaktiven Strahlung sah sie jedoch nicht als bewiesen an. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert die Politiker nun auf, schnellstmöglich aktiv zu werden und die Sache genauer zu erforschen. „Die Häufigkeit der Befunde deutet auf grundlegende Probleme bei der geltenden Bewertung radioaktiver Niedrigstrahlung hin“, meint Gerd Rosenkranz, Leiter Politik und Presse der DUH. Er setzt sich für einen „systematischen Versuch der wissenschaftlichen Aufklärung“ ein. Das seien die Politiker den Menschen schuldig, die betroffenen Regionen lebten.

Anzeige