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Glück in der Liebe: Wieso Beziehungen trotzdem scheitern können

Das Glück in der Liebe kann sich heimlich ausschleichen
Liebeskolumne Ehrenberg

Das Glück in der Liebe kann sich heimlich ausschleichen

Es ist passiert. Schon wieder. Eine gute Freundin von mir stand vor ein paar Tagen Rotz und Wasser weinend vor meiner Tür. Ihr Mann hat sie verlassen. Von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung. Meine Freundin war sehr glücklich mit ihm. Alle aus ihrem Umfeld fanden, dass die beiden ein ausgesprochen glückliches Paar sind. Ich auch! Und ich bin von Berufs wegen unheimlich kritisch, was den Zustand einer Beziehung angeht. Ich kenne meine Pappenheimer...

Viele Frauen und Männer spielen sich selbst und den anderen etwas vor. Das durchschaue ich. Ich habe schon auf Hochzeiten getanzt, wo ich auf das Glück von Braut und Bräutigam keinen Pfifferling gegeben habe.. Weil er sie schon längst betrügt, weil sie die Augen verdreht, wenn er etwas erzählt. Und man heiratet trotzdem. Grund: Angst davor, keinen anderen Partner mehr abzukriegen.

Soweit zu diesen Mogel-Pärchen. Aber es gibt eben auch die anderen. Jene, die mich rühren, weil sie so goldig miteinander sind. Wie meine Freundin und ihr Mann.

Gerade bei diesen wirklich tollen Paaren geschieht es, dass eine Trennung wie aus heiteren Wolken kommt. Ich frage mich, warum meine Freundin nicht vorher gemerkt hat, dass da etwas im Busche ist.

Ich habe zu solchen Fällen folgende Theorie. Stellen wir uns vor, das Glück ist wirklich bei jemanden zu Gast, sitzt da täglich auf dem Sofa. Seelisch, geistig und körperlich sind sich zwei Menschen nahe, genießen einander. Über Jahre. Kann es dann sein, dass man sich an dieses Glück derart gewöhnt, dass man das Glücksgefühl verliert? Weil es alltäglich ist? Dass sich dann einer trennt, weil kein Mangel vorliegt, sondern im Gegenteil Glücksüberschuss und Glücksüberdruss?

Jeder Philosoph bestätigt, dass das Empfinden von wahrem Glück nur möglich ist, wenn man das Unglück kennt. Wer jahrelang allein war oder einen schlimmen Partner an seiner Seite hatte, der ihn betrogen und belogen hat, der nimmt natürlich mit allen Sinnen auf, wenn da plötzlich einer auftaucht, der liebevoll ist und lustig und großzügig und treu und sexy. Vielleicht vergeht dieses Aha-Erlebnis, die Erinnerung daran verblasst. Das Glück wird normal. Derart normal und gewöhnlich, dass man es wegwirft. Der, der wirft, tut es meistens ohne große innere Dramen.

Das Glück in der Liebe kann einseitiger Natur sein

Dem Mann meiner Freundin ging es so. Ich habe ihn gefragt, wie er sich fühlt, er meinte, es sei eine Leere in ihm, aber kein Schmerz. Die Liebe, das Glück, sei einfach weg. Kein Streit hat das angekündigt, keine andere Frau. Einfach alles weg. Er war selbst erstaunt.

Warum geht es ihm so? Meine Freundin liebt noch, das Glück ist ihr nicht abhanden gekommen. Warum wurde sie des Glücks nicht überdrüssig? Antwort: Ihr Herz tickt anders! Manche Menschen gewöhnen sich eben nicht an Glück, das ist eine Gabe, sie sind immer dankbar dafür und freuen sich jeden Tag darüber. Das ist eine Persönlichkeitsfrage.

Sollte man sich also einen Ehepartner suchen, dessen Glücksempfinden dem eigenen gleicht? Besser wäre es. Doch am Anfang einer Ehe kann man das gar nicht sicher sagen, ob Frau und Mann das Glück ähnlich sehen. Manchmal verändert sich das auch im Lauf der Jahre.

Dem Mann meiner Freundin jedenfalls ist das Glück langweilig geworden. Meine Freundin hat das nicht bemerkt. Ich kann hier jeden beruhigen, der bange wissen will, ob es Indizien für diese Glücksausschleichung gibt. Leider nein. Was diese spezifische Art von besonders brutaler Trennung angeht, wo man am Mittwoch noch einen Urlaub bucht, und am Donnerstag packt der Partner seine Koffer, aber leider nicht für den Urlaub, sondern, weil er ausziehen will, gibt es keine Anzeichen vorher. Keine Absicherung, nichts.

Ich rate also dazu, jedes Glück, das man hat, jeden Tag zu genießen. Geht es weg, kann man immerhin von diesem Kuchen zehren. Und sich sagen, dass es schöner war, das Glück zeitweise gehabt zu haben, als es nie gehabt zu haben.

Das ist wahrlich nicht 'Liebe leicht gemacht'. Aber ein kleines Pflaster für den allergrößten Liebeskummer.

Eure Birgit

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