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Gleichberechtigung am Arbeitsplatz: Frauen arbeiten mehr und verdienen weniger

Vor allem im Beruf werden Frauen immer noch benachteiligt.
Frauen werden immer noch benachteiligt - vor allem im Job. © Getty Images/iStockphoto, kieferpix

Deutschland fällt sieben Plätze zurück

Deutschland ist abgestürzt. Und zwar von Platz sechs, den es im 'Gender Gap Report' 2006 belegte, auf Rang 13 im Jahr 2016. Das geht aus dem Bericht über weltweite Gleichberechtigung von Mann und Frau hervor, den das Weltwirtschaftsforum (WEF) publiziert hat. Erschreckend ist die Zahl, die unter dem Punkt "Bezahlung für gleiche Arbeit“ zu finden ist. Hier kommt Deutschland auf einen Wert von einer nur zu 59 Prozent erreichten Gleichstellung zwischen Männern und Frauen. Damit liegt unser Land auf Platz 95 unter den 144 untersuchten Staaten.

Warten bis zum Jahr 2186?

Man müsste Isländerin sein. Die Insel im Nordatlantik liegt im 'Gender Gap Report' schon zum achten Mal in Serie auf dem ersten Rang – vor Finnland, Norwegen und Schweden. In Island ist die Lücke zwischen Männern und Frauen in der Gesamtbetrachtung der Kategorien Gesundheit und Lebenserwartung, Bildung, Teilhabe an politischen Ämtern sowie Einkommen und Vertretung im Management zu mehr als 87 Prozent geschlossen. In Deutschland zu 76 Prozent.

Aber selbst das fortschrittliche Island hat einen Schwachpunkt, nämlich den Bereich der gleichen Bezahlung, die auch dort nur zu 79 Prozent erreicht wird. Die Autoren des Reports stellen überhaupt fest, dass sich die ökonomische Kluft zwischen den Geschlechtern wieder vergrößert hat. Frauen verdienen weniger, obwohl sie oft sogar mehr arbeiten als Männer. Außerdem sei die Zahl von Frauen in Führungspositionen weltweit "hartnäckig gering". Ging das WEF im vorigen Jahr noch davon aus, dass es bis 2133 dauern könnte, die Gehalts-Lücke zu schließen, so prognostizieren sie jetzt einen Zeitraum von 170 Jahren.

Das heißt: 2186 könnte es so weit sein, dass Frauen auf der ganzen Welt genauso bezahlt werden wie Männer. Noch nicht einmal die Kinder unserer Kinder werden das erleben.
Die Welt ist, wie man wieder einmal sieht, gar nicht so kompliziert: Die meisten Chefs sind Männer, in ihren Zirkeln fördern sie andere Männer. Frauen kommen nur selten nach oben. Und wenn, dann müssen sie mehr ackern als die Männer und bekommen dafür weniger Geld. Man kann hier radikale Gedanken entwickeln, die der Autor Christian Seidel ('Gender Key', 'Die Frau in mir') unlängst in einem 'Zeit'-Interview schön formulierte. Männer brauchten "die kollektive Verordnung einer Therapie“, stellte er fest. "Weil sie alle glauben, dass bei ihnen alles in Ordnung sei. Das ist ja auch bei psychisch Kranken so. Sie glauben, sie wären die Normalen. Deswegen muss man sie zu ihrem Glück zwingen.“ Er schlägt vor, dass die Politik und die sozialen Führungsstrukturen massiv auf die Unternehmen einwirken sollten. Zum Beispiel solle ein 'Gender-Soli' eingeführt werden. "Damit sollten dann die Arbeitsplätze von Frauen und eine gendergerechte Bildung von Kindern gefördert werden.“

Außerdem müsse das Mutterschutzgesetz geändert werden, damit Frauen nicht nur, weil sie Mutter werden, schlechtere berufliche Chancen hätten als Männer. Seidels Schluss lautet: "Da die leitenden Männer das in 2000 Jahren nicht selbst erkannt haben, gehören sie abgesetzt.“
Besser kann man es nicht sagen – und es ist schön, dass ein Mann all das auf den Punkt bringt. Der 'Gender Gap Report' zeigt also, dass sich zu wenig tut, solange Männer das Sagen haben.

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