Gibt es den Weihnachtsmann wirklich: Wann sollten Eltern aufklären?

Trauriges Kind mit roter Weihnachtsmütze an Weihnachten
Trauriges Kind an Weihnachten © Robert Kneschke - Fotolia, Robert Kneschke

Viele Kinder fragen sich: Gibt es den Weihnachtsmann?

Christkind, Nikolaus, Weihnachtsmann, Krampus und Co: Die magischen Gestalten begleiten viele Kinder durch die Weihnachtszeit und geben ihr einen ganz besonderen Zauber. Noch ist es nicht der Paketbote, der die Geschenke bringt – sondern sie schweben auf geheimnisvolle Weise in einem unbeobachteten Moment durchs geschlossene Fenster. Niemand weiß, wer die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet hat. Und niemand weiß, wie das Christkind es schafft, so schnell aus dem Wohnzimmer zu verschwinden, dass nur die Mama noch ein kleines Stückchen von seinem Kleid gesehen hat - die Kinder aber schon nicht mehr. Soll man Kindern ihren Glauben lassen an diese Abgesandten der Weihnacht? Und vor allem: Wie lange? Oder ist es gar besser, auch in diesem Punkt von Anfang an ehrlich zu sein?

von Ursula Willimsky

Es war zwei Wochen vor Heilig Abend. Es war schon ganz spät, mindestens 8 Uhr abends. Ich saß hinten im Auto, wir kamen heim von einem Besuch bei Opa und Oma. Und da hab ich es gesehen: Das Christkind. Es schwebte hinten bei dem Hügel hoch in den Himmel mit seinem hellglitzernden Kleid, mitten in der Nacht. Wunderschön.

Sieben Jahre alt war ich damals, und wieso das Christkind schon deutlich vor Weihnachten einen Flug über die Erde gemacht haben sollte – daran habe ich überhaupt keinen Gedanken verschwendet. Es war eben da. An seiner Existenz habe ich keine Sekunde gezweifelt. Wann der Glauben bröckelte, wann meine Eltern mich darüber aufgeklärt haben, dass die Geschenke gar nicht vom Christkind, sondern aus dem Kaufhaus kommen, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Irgendwann wusste ich eben, dass es so ist. So wie ich vorher gewusst hatte, dass es das Christkind gibt.

Und ich glaube fast: Die Zeit vor der Erkenntnis war die schönere.

Zumindest bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mich in meinem kindlichen Glauben gelassen haben. Und die Psychologie gibt mir sogar recht: Kleine Kinder durchlaufen eine "magischen Phase". Mit vielen Ängsten, Machtphantasien, unsichtbaren Freunden, sprechenden Bäumen, was auch immer. Manche Experten haben angeblich sogar beobachtet, dass Kinder, die nach dem Willen der Eltern ohne magischen Begleiter aufwachsen sollten, sich einfach selbst einen erfunden haben.

Nach Durchsicht mehrerer fachspezifischer Artikel bin ich zwar zu dem Schluss gekommen, dass diese magische Phase eigentlich spätestens mit 6 zu Ende sein sollte - so gesehen war ich wohl eindeutig entwicklungsverzögert. Aber immerhin habe ich ein Interview gefunden, in dem es heißt, dass die Phase erst mit 9 endet. Yes! Und eine Umfrage im Bekanntenkreis hat diese These bestätigt: Die allermeisten haben ihre Kinder mindestens bis zur dritten Klasse in diesem Glauben gelassen. Mit allem was dazu gehört: Wunschzettel auf´s Fensterbrett. Ein bisschen Glitzerpulver am nächsten Morgen an der Stelle, wo sich das Christkind das ganze durchgelesen hat. Absolutes Zutrittsverbot zum Wohnzimmer am Heiligen Abend.

Aufklären - ohne als Lügner dazustehen

Und irgendwann hatte sich dann die Frage irgendwie auf magische Weise selbst erledigt. Nenn es Feigheit, nenn es pädagogisches Einfühlungsvermögen: Die meisten haben einfach gewartet, bis auf das "Bald kommt der Weihnachtsmann!" als Antwort nur ein abgeklärtes "Ja, ja" kam. Wobei die Akzeptanz der magischen Gestalten in der jüngsten Generation sogar soweit ging, dass einige Kinder zur Sicherheit an Weihnachtsmann und Christkind glaubten. Man weiß ja nie, wer die dickeren Spendierhosen anhat.

Ein paar haben aber auch auf Aufklärung gesetzt, unter anderem beflügelt von der Angst, dass das Kind in absehbarer Zeit von robusteren Klassenkameraden fertig gemacht wird, wenn rauskommt, dass es noch an den Babykram glaubt. Sie haben ihr Kind - meist mit 8 oder 9 - neben sich auf´s Sofa gesetzt und in wohlüberlegten Worten erklärt, dass es sich bei Christkind und Weihnachtsmann nicht unbedingt um reale Wesen handelt. Dass sie eher so etwas wie ein schöner Brauch sind und Mama und Papa die eigentlichen Handlanger der Geschenkeflut. Diese Informationen wurden mit Skepsis oder einem "Schon klar, wusst ich eh schon vom Fritz" aufgenommen. Tja, und dann stand die Mehrzahl der desillusionierten Kinder auf, ging in sein Zimmer und malte einen liebevollen Wunschzettel für den Weihnachtsmann. Eine Mutter bekam sogar noch ein patziges "ich glaub trotzdem dran" zu hören.

Wenn man ein bisschen im Internet in Artikeln und Foren stöbert, kommt man zu dem Schluss, dass es im Grunde drei Sorten von Kindern gibt: Die oben genannten Realitäts-Verweigerer. Die Eltern-Versteher: Sie tun nur so, als ob sie dran glauben, weil sie andererseits glauben, dass die Eltern diesen ganzen Zinnober so toll finden. Und die brachial aufgeklärten, die heulend von der Schule heimkommen, weil sie dort die bittere Wahrheit erfahren haben. Dann ist natürlich besonders viel elterliches Feingefühl gefragt – man will ja die Sache so erklären, dass man nicht selbst als Lügner dasteht. Aber die Fakten ganz negieren geht ja auch nicht mehr.

In einem Interview habe ich noch einen schönen Tipp gefunden für den Fall, dass das Kind selbst zu zweifeln beginnt und auf seine Fragen eine Antwort will: Im Prinzip solle man mit Gegenfragen kontern: "Was glaubst du denn? Wie stellst du dir das vor?" Dann darf das Kind einfach erklären, wie seine kleine Weihnachtswelt aussieht. Und die Eltern können sich noch einmal ein Stückchen mitnehmen lassen in diese zauberhafte magische Welt, die Weihnachten für sie selbst früher auch einmal war.

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