Gewalt in der Ehe: Auch Frauen rutscht mal die Hand aus

Gewalt in der Ehe: Auch Frauen rutscht mal die Hand aus
© picture-alliance/ dpa, Lehtikuva Marja Airio

Gewalt in der Ehe kann durchaus von Frauen ausgehen

Zumindest ist es mutig von dem Mann, zu erzählen, dass er von seiner Frau geschlagen worden sei, dachten wir, als wir diesen Auszug aus Boris Becker Biographie lasen: „Sie brüllte mich an, sprang plötzlich auf und fing an, mich wie von Sinnen zu schlagen“. So beschreibt es Becker, und so zitiert es die „Bild“. Als Folge seines Seitensprungs mit Ermakova habe Barbara Becker also – so schildert es ihr Ex-Mann, was wirklich an diesem Tag in Miami geschah, wissen wir natürlich nicht – angeblich die Kontrolle verloren. Und wir fragten uns: Wie ist das eigentlich generell? Werden auch Männer Opfer häuslicher Gewalt?

Von Ursula Willimsky

Aber niemand nimmt es wahr, weil das vielleicht nach wie vor ein Tabuthema ist, über das „Mann“ nicht spricht? Weil er Angst hat, nicht ernst genommen zu werden und sich lächerlich zu machen? Oder weil es seinem männlichen Selbstbild so gar nicht entspricht?

Es gibt Foren, in denen Männer über häusliche Gewalt durch ihre Frauen klagen. Und es gibt einige wenige Studien. Die neueste wurde in diesem Jahr von Robert-Koch-Institut veröffentlicht. Im Rahmen einer umfassenden Gesundheitsstudie wurde auch das Thema „Gewalterfahrung“ abgefragt. Das – stark vereinfachte – Ergebnis: Männer üben Gewalt eher im „Sozialraum“ und am „Arbeitsplatz“ aus. Und Frauen? Eher im häuslichen Bereich.

Deutlich mehr Frauen als Männer gaben an, dass sie in den letzten 12 Monaten körperliche Gewalt gegen den Partner ausgeübt hätten: Dazu bekannten sich 1,3 Prozent der Frauen, aber nur 0,3 Prozent der Männer. Eine ältere Studie des Gesundheitsministeriums kam zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Mann schon einmal Opfer häuslicher Gewalt wurde, wobei auch „leichtere Akte“ enthalten waren, „bei denen nicht eindeutig von Gewalt zu sprechen“ sei. Zudem muss Gewalt nicht unbedingt körperlich sein, eine verbale Demütigung kann ebenfalls schmerzen: 3,8 Prozent der Frauen gaben gegenüber dem Robert-Koch-Institut zu, ihren Partner psychische Gewalt angetan zu haben – und nur 2,8 Prozent der Männer.

Gewalt in der Ehe durch Frauen ist ein noch wenig beleuchtetes Thema

Befragte man die Opfer, sah die Sache anders aus: 1,2 Prozent der Frauen gaben an, dass sie Opfer körperlicher Gewalt wurden, und nur 0,9 Prozent der Männer (psychische Gewalt: 6,1 zu 3,3). Frauen als Gewalttäterinnen, Männer als Gewaltopfer – die Studie beleuchtete einen Aspekt der Gewaltforschung, der bisher noch sehr im Dunkeln liegt. Das Klischee, dass ein körperlich überlegener Mann seiner Frau Gewalt antut, stimmt nicht immer. Viele Experten mutmaßen, dass Männer häufig nicht wagen, sich Hilfe zu suchen. Weil sie sich nicht vor ihren Freunden blamieren wollen. Oder weil sie Angst haben, dass man sie mit ihrer Angst nicht ernst nimmt. In einem – anonymen – Interview schildert ein Mann, dass er sich nach einer Misshandlung durch seine Frau an die Polizei wandte. Die ließ ihn erst einmal einen Alkoholtest machen, obwohl er nichts getrunken hatte. Er floh in ein Gewaltschutzhaus.

Die Ergebnisse des Robert-Koch-Instituts stießen auf kritische Resonanz. Unter anderem beklagte das „Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit“: „Es bleibt (…) unklar, ob aufgrund eines unterschiedlichen Unrechtsbewusstseins Frauen häufiger als Männer dazu tendieren, sich selbst als Täterinnen zu benennen.“ Wenn in einem Streit einer den anderen heftig schubst, kann das der eine Mensch als Grenzüberschreitung werten, die ihm/ihr ein schlechtes Gewissen bereitet. Und ein anderer Mensch kann so etwas einfach als „passiert“ abhaken.

Eine andere Wissenschaftlerin kritisierte, dass die Studie nicht die Schweregrade der häuslichen Gewalt erfasst habe. Es müsse beachtet werden, dass Frauen häufiger von schwerer fortgesetzter Gewalt betroffen sind, die „in Muster von Macht und Kontrolle eingebettet sind.“

Selbst das Robert-Koch-Institut räumte ein, „dass Aussagen zu sexueller und sozial-relationaler Gewalt, zur Schwere und Dynamik des Gewaltgeschehens, zum Kontextgeschehen, zu Folgen von Gewalt und Gewalterfahrungen im höheren Lebensalter nicht erhoben werden konnten.“

Aber ein Fakt scheint zu bleiben: Nicht nur Frauen erfahren häusliche Gewalt. Auch Männer können die Opfer sein.

Anzeige