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Gesundheitslexikon: Anthroposophie (Anthroposophische Medizin)

Anthroposophie: Schulmedizin trifft Philosophie

Neben der allgemein als wirksam anerkannten Schulmedizin finden sich immer wieder auch alternative Ansätze, in deren Rahmen konventionelle Behandlungsmethoden um esoterische Elemente erweitern werden sollen. Häufig werden diese Ideen belächelt und als unwirksam abgelehnt. Auch im Falle der 'anthroposophischen Medizin' auf Basis der Weltanschauung Rudolf Steiners wurden und werden kontroverse Diskussionen um die Wirksamkeit geführt. Viele Mitglieder der Bundesärztekammer lehnen den Ansatz als pseudowissenschaftlich ab; dennoch übernehmen mittlerweile mehr als 50 Krankenkassen (Teil-)Kosten für ambulante anthroposophische Behandlungen. Darüber hinaus existieren in Deutschland mehrere anthroposophisch orientierte Krankenhäuser und Krankenhausunterabteilungen sowie entsprechende Fachkliniken und Sanatorien.

Was ist Anthroposophie?

Die anthroposophische Weltanschauung wurde durch den österreichischen Publizist und Esoteriker Rudolf Steiner ins Leben gerufen. Dieser verwendete den Begriff Anthroposophie erstmals 1910 in einer Publikation, um eine Anleitung zur menschlichen Selbst- und Welterkenntnis zu geben. Als Weltanschauung verbindet die anthroposophische Lehre Elemente fernöstlicher Philosophie und Gnosis mit Ideen deutscher Philosophen aus einer Epoche, die auch als 'Deutscher Idealismus' bezeichnet wird. Eine besondere Rolle spielen zudem die naturwissenschaftlichen Arbeiten Johann Wolfgang von Goethes. Anthroposophen gehen von der Existenz einer geistigen, spirituellen Welt aus, die mit wissenschaftlichen Methoden erforscht werden soll. Die Anthroposophie fand und findet ihre Anhänger vor allem im Kunst- und Architekturbereich. Über die mehrfach in Deutschland vertretene Anthroposophische Gesellschaft hinaus spielt ihr ganzheitlicher Ansatz auch im öffentlichen Leben eine Rolle: Neben der ebenfalls von Steiner entwickelten Waldorfpädagogik hat auch die Anthroposophische Medizin in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen.

Grundlagen Anthroposophischer Medizin

Die Anthroposophische Medizin soll Rudolf Steiners Weltanschauung mit naturwissenschaftlichen Methoden und den Erkenntnissen der Schulmedizin kombinieren. Zu diesem Zweck werden neben dem physischen Leib des Menschen noch drei weitere (spirituelle) Seinsebenen – Äterleib, Astralleib und 'Ich' – definiert, die es bei der Krankheitsbehandlung zu berücksichtigen gilt. Die Organsysteme wiederum werden in drei Gruppen gegliedert; sofern diese aus dem Gleichgewicht geraten, kommt es gemäß der anthroposophischen Philosophie zu Erkrankungen. Jedem Funktionssystem sind bestimmte medizinische Präparate zugeordnet. Die Verabreichung dieser anthroposophischen Arzneimittel, die ausnahmslos mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sind, erfolgt häufig in homöopathischen Dosen. Zusätzlich kommen meist auch nicht-medikamentöse Therapieansätze wie die aus der Waldorfpädagogik bekannte Eurythmie oder spezielle Formen der Ergotherapie zum Einsatz. Interessierte Ärzte können sich nach der Teilnahme an entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen durch die 'Internationale Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften' (IVAA) zum anthroposophischen Arzt zertifizieren lassen. Dies berechtigt sie zur Führung des Zusatzes 'Anthroposophische Medizin' (GAÄD) in ihren Adressangaben.

Wirksamkeit und Risiken

Zur Wirksamkeit der anthroposophischen Medizin liegen bisher keine hinreichenden unabhängigen Studien vor. Im Gegenteil bestehen grundsätzliche Zweifel am Konzept der Homöopathie, auf deren Basis einige Arzneimittel der anthroposophischen Pharmazie in stark verdünnter Form verabreicht werden. Viele Ärzte sind der Meinung, dass sich die anthroposophisch-medizinische Lehre nicht mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbaren lässt. Nicht-medikamentöse Therapieformen wie Musik- und Maltherapie oder die Eurythmie können durchaus eine heilende Wirkung haben. Unklar ist jedoch, ob diese Wirkung aus den anthroposophischen Ideen oder eher aus den allgemeinen gesundheitsfördernden Eigenschaften von kreativer Betätigung und Bewegung resultiert. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn tödliche Erkrankungen wie Krebs oder HIV mit anthroposophischen Heilmitteln therapiert werden sollen: Aufgrund der nicht erwiesenen Wirksamkeit ist es ratsam, in erster Linie auf bewährte Therapiemethoden zu vertrauen und im Zweifel eine zweite Meinung einzuholen.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel kann einen Besuch beim Arzt nicht ersetzen. Er enthält nur allgemeine Hinweise und darf daher keinesfalls zu einer Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung herangezogen werden.

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