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Gestresste Mütter: Setzt der eigene Perfektionismus unter Druck?

Gestresste Mütter leiden immer häufiger an psychischen Erkrankungen
Gestresste Mütter leiden immer häufiger an psychischen Erkrankungen © Fotolia Deutschland

Mütter verlangen sich selbst zu viel ab

Nicht wenige Frauen neigen ja dazu, für sich und ihr Leben ein Anforderungsprofil zu entwerfen, das im Grunde nur von multiplen Persönlichkeiten erfüllt werden kann: Die eine Persönlichkeit huscht schnell zum Discounter, während die zweite mit den Kindern auf dem Spielplatz herumtollt und Persönlichkeit Nummer drei perfekt gestylt noch in einem Meeting sitzt. Und der eigentliche Mensch? Der bleibt allzu oft dabei auf der Strecke.

von Ursula Willimsky

Marlene Rupprecht, Kuratoriumsvorsitzende des Müttergenesungswerkes, schlug Alarm: Wachsender Zeitdruck, die Doppelbelastung in Beruf und Familie und mangelnde Anerkennung für ihre Arbeit mache den Frauen zu schaffen: "Sie müssen die Managerinnen für alles sein und sollen dabei noch guter Laune sein, das ist kaum machbar."

Die Zahl der psychisch kranken Mütter sei in den vergangenen Jahren um ein Drittel gestiegen - Erschöpfung, Depressionen, Schlafstörungen sind die häufigsten Belastungssyndrome. Eine Ärztin erzählt zum Beispiel: "Viel schlechtes Gewissen, ob ich meinem Beruf und den Kindern gerecht werde. Dazu hoher Zeitdruck, Nachtdienste und die Angst, in der Klinik Fehler zu machen …", das habe unter anderem dazu geführt, dass sie im Laufe ihres Lebens "mehrfach rote Linien erreicht" habe. Die Ärztin hatte nach eigener Aussage Glück: Kollegen hätten ihr klar gemacht, dass ihre körperlichen Symptome ein Aufschrei der Seele gewesen wären. Sie habe erkannt, wie wichtig es sei, Grenzen zu ziehen: "Ich habe gelernt, dass ich nicht perfekt sein muss. Ich habe gelernt, Nein zu sagen." Die Ärztin ist heute Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Und uns ist es trotz ihres Bekenntnisses immer noch ein bisschen unheimlich, wenn wir darüber nachdenken, wie Frau von der Leyen das alles bloß schafft.

Aber der Satz: "Ich muss nicht perfekt sein", der gefällt uns. Auch wenn er vermutlich leichter gesagt als in die Tat umgesetzt ist. Es ist eben schwer, einen makellos angelegten Garten samt Selbstversorger-Gemüsebeeten zu haben - und gleichzeitig perfekt manikürte Fingernägel. Mindestens genauso schwer ist es, ein Baby zur Welt zu bringen und drei Wochen später wieder eine perfekte Model-Figur zu haben. Und dabei auch noch entspannt zu bleiben. Oder berufstätig zu sein, Kinder zu haben und zu versorgen und gleichzeitig die Wohnung so aufzuräumen, dass jeder Zeit eine "Schöner Wohnen"-Reportage fotografiert werden könnte. Oder, oder, oder, oder …

Streben nach Perfektionismus ist schädlich

Das Streben nach Perfektionismus kann zu einem nicht gerade perfekten Leben führen. Eine britische Studie fand heraus, dass 40 Prozent aller Frauen glauben, ihren Job nicht perfekt zu erledigen und zugleich glauben, auch im Privatleben nicht perfekt zu sein - schlicht, weil sie den hohen Ansprüchen nicht genügen, die sie sich selbst gesetzt haben. Vielleicht auch, weil sie glauben, den Ansprüchen anderer genügen zu müssen. Heutzutage wird ja nahezu schon als selbstverständlich vorausgesetzt, dass Frauen die Doppelbelastung Job und Familie nicht nur auf sich nehmen, sondern eben auch mit links meistern.

Dr. Brene Brown von der University of Houston gibt in der "mail" zu bedenken, dass Perfektionismus dazu führen kann, das "falsche" Leben zu führen - man macht Dinge, die man eigentlich nicht will. Und sagt Nein zu Dingen, die man eigentlich lieber tun würde, um zum Beispiel die vermeintlichen Erwartungen anderer zu erfüllen oder sich ein Schutzschild zu bauen. Doch zu glauben, dass alles perfekt ist, wenn man nur ein perfektes Leben führt, perfekt aussieht und alles perfekt macht, sei ein Trugschluss. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wisse man, dass Menschen, die bei sich selbst auch mal Fehler zulassen, ein glücklicheres und auch zufriedeneres Leben führten. Diese Glücksmenschen hätten, so Brown, eine großen Vorteil: Sie seien überzeugt von ihrer eigenen Wertigkeit. Und bräuchten nicht erst eine lange Liste mit Dingen, die zuerst eintreten müssen, bevor das Leben perfekt wird (wenn ich erst verheiratet bin, wenn meine Eltern erst einmal stolz auf mich sind ...).

Es wird also Zeit für ein bisschen mehr Gelassenheit. Und wer's schon nicht schafft, ganz auf Balu, den Bären umzuschulen, wer vom Perfektionismus nicht völlig loskommt, dem gibt die Therapeutin Shoma Morita in der "mail" den schönen Rat: "Versucht einfach nur, die beste nicht-perfekte Person zu werden, die ihr kennt."

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