FAMILIE FAMILIE

Geschwisterreihenfolge: So prägt sie unseren Charakter

Geschwisterforschung zeigt Charakteruntschiede zwischen Jüngeren und Älteren
Die Geschwisterkonstellation prägt laut Studien den Charakter © picture-alliance / Denkou Images

Geschwisterforschung: Je kleiner, desto doller

Sag mir, welche Geschwister du hast – und ich sage dir, welche Rolle du im Leben einmal übernehmen wirst. Eine Studie aus Großbritannien bestätigt derzeit die gängigen Klischees. Das jüngste der Geschwister ist meist auch das lustigste – das älteste vor allem verantwortungsbewusst und selbständig. Apropos Klischee: Mit den sogenannten Sandwichkindern (also allen, die zwischen Erstgeborenem und Nesthäckchen in einer Familie leben) gibt sich die YouGov-Studie gar nicht erst ab. Passt. Die werden – so die allgemeine Meinung – ja ohnehin und auch innerhalb der Familie mehr oder weniger in Ruhe gelassen. Sie gelten als hilfsbereit, flexibel und verständnisvoll – die können mit der Nichterwähnung wahrscheinlich gut umgehen.

Von: Ursula Willimsky

Auch wir wollen uns heute auf die äußeren Pole einer Geschwisterschar konzentrieren. Fangen wir mit den Jüngsten, also auch den Lustigsten, an. Ein kurzer Blick in die Promi-Kartei zeigt: Ja. Es gibt jede Menge Comedians, die in der Familie als die Kleinsten angefangen haben: Hape Kerkeling und auch Komik-Urgestein Otto haben jeweils einen älteren Bruder, Bülent Ceylan gar drei ältere Geschwister. Problem bei dieser Argumentationskette: Alle drei genannten sind nicht nur lustig – sondern auch sehr erfolgreich (und vermutlich auch sehr diszipliniert, ohne diese Tugend geht ja auch im Spaßgeschäft nur wenig). „Erfolgreich“ und „diszipliniert“ aber sind eigentlich Eigenschaften, die den Großen zustehen. Naja, solange die Älteren nichts Künstlerisches machen, kann man´s wohl trotzdem gelten lassen.

Aber woher kommt dieser angebliche Drang der Kleinen, sich zum Familien- und später zum Berufsclown zu machen? Eine Theorie besagt, dass diese Fähigkeit mit dem erstarkten Selbstbewusstsein der Eltern zusammenhängt. Zweifelten sie bei Kind Nummer 1 noch sehr an den eigenen Fähigkeiten, konnten sie es bei den folgenden Knirpsen entspannter angehen lassen. Sie drückten eher mal ein Auge zu und agierten nicht ganz so streng nach dem jeweils favorisierten Erziehungsratgeber. Die Folge: Das Küken in der Familie konnte recht schnell lernen, mit Charme und Witz für sich Vorteile herauszuschlagen, die der großen Schwester im dem Alter auf gar keinen Fall gewährt worden wären. Und Liebe haben sie auch tüchtig abbekommen – von den Eltern und von den Geschwistern.

Unter Experten gibt es immer mal wieder Zank über die Frage, ob man Geschwister überhaupt wegen ihrer Geburtsreihenfolge charakterisieren kann. Manche sagen: ja. Manche sagen: naja, es gibt ja noch sowas wie soziales Umfeld, den Wunsch, sich eher abzugrenzen oder nachzuahmen, Erbanlagen und diverse andere Faktoren wie den Altersabstand. Als ganz sicher scheint zu gelten, dass ein naher Abstand für besondere Nähe sorgt. Wobei Nähe nicht immer bedeuten muss, dass sich die Geschwister in ähnliche Richtungen entwickeln.

Zwillingsstudien zum Beispiel belegen, dass sich eineiige Zwillinge als Erwachsene dann besonders ähneln, wenn sie getrennt aufwuchsen. Dann konnte jeder für sich seine – und damit auch die gemeinsamen – Vorlieben entdecken ohne sich aus Trotz, Rivalität oder Wunsch nach Beachtung eine eigene Nische suchen zu müssen.

Woher kommen die Unterschiede?

In der britischen Studie – bei der die Selbsteinschätzung von Geschwisterkindern gewertet wurde – sahen sich die Jüngsten als entspannter, und von den Eltern deutlich stärker geliebt als die Älteren. Die wiederum sahen bei sich andere Vorteile: Sie seien verantwortungsbewusst (54 zu 31 Prozent), erfolgreich, selbstbewusst und besser organisiert. Ganz so, wie das allgemein auch von den ältesten behauptet wird.

Aber woher kommt´s? Wer darauf getrimmt wird, Mamas Unternehmen oder Papas Hof zu übernehmen, auf dem lastet eine klare Erwartungshaltung. Aber bei den anderen? Da gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Zum Beispiel, dass die Älteren mit der Geburt des nächsten Kindes zu einer Art Mini-Elternteil mutieren und sich für das Kleine mitverantwortlich fühlen. Aber auch, dass die große Sorge der Eltern um sie selbst auf sie abfärbt: Sie spürten, dass Mama und Papa unsicher waren und glaubten, dass ihr eigenes Verhalten dafür den Ausschlag gegeben hätte. Weshalb sie sich bemühten, besonders gewissenhaft zu sein.

Zudem – das wird jetzt Zweitgeborene und Co nicht freuen – sind die Ältesten oft auch die Schlauesten. Von einer Untersuchung des norwegischen Militärs wissen wir, dass Erstgeborene bei einem IQ-Test um 2,3 Punkte besser abschnitten. Das ist zwar kein besonders dramatischer Unterschied, reicht aber völlig aus, um die kleine Schwester beim erbitterten Geschwisterstreit als grenzdebil abzuwatschen. Was zwar nicht besonders verantwortungsbewusst ist, aber vermutlich auch nicht viel Schaden anrichtet. Die wird eh nur drüber lachen und die Szene später mal in ihr erfolgreiches Bühnenprogramm einbauen.

Anzeige