Geschlagen, vergewaltigt, verstümmelt: Jede zweite Frau erlebt Gewalt

'Gewalt gegen Frauen ist Alltag!'

Geschlagen, vergewaltigt, verstümmelt. Jede zweite Frau weltweit erleidet in ihrem Leben heftige Gewalt- und zwar nur, WEIL sie eine Frau ist! Der 'Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen' soll wachrütteln. Und Anstöße geben, dass sich endlich was ändert. 1981 gab es ihn zum ersten Mal - was hat sich eigentlich seitdem getan?

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen
© dpa, Jan-Philipp Strobel

Von Dagmar Baumgarten

Der traurige Anlass für den Gedenk- und Aktionstag war der Tod von zwei mutigen Schwestern in der dominikanischen Republik. Sie wurden für ihren Kampf gegen Unterdrückung erst gefoltert und dann ermordet. Ein Jahr später wurde ihnen zu Ehren dieser internationale Gedenktag ins Leben gerufen.

Wo stehen wir heute?

Genau wie vor 32 Jahren ist Gewalt gegen Frauen die häufigste Menschenrechtsverletzung, und gleichzeitig wird sie immer noch am wenigsten verfolgt. Auch wenn heute die Gültigkeit der Menschenrechte auch für Frauen zumindest offiziell nicht mehr in Frage gestellt wird.

Doch was ist mit der Praxis? Da werden in vielen Ländern Frauen immer noch benachteiligt und diskriminiert. Im Namen von Kultur, Religion und Moral wird Frauen Gewalt angetan. Es gehört in vielen Ländern immer noch zur gesellschaftlichen Norm, Frauen ungestraft zu schlagen, zu verstümmeln, zu missbrauchen, sie zu zwangsprostituieren, oder sogar zu ermorden.

Deshalb startet dieses Jahr gleichzeitig eine Kampagne, Sie trägt einen Titel, der durch seine scheinbare Nüchternheit wachrüttelt! Er lautet: 'Gewalt gegen Frauen ist Alltag!'

Ist das nicht ein schrecklicher Satz?

Prügel, Vergewaltigungen oder Verstümmelungen sind nicht grauenvolle einzelne Grenzsituationen, sondern sie passieren ständig, und zwar in jedem Land- und durch alle sozialen Schichten. Alleine in Sachsen sind letztes Jahr 2.728 Straftaten wegen häuslicher Gewalt angezeigt worden - das sind sieben bis acht pro Tag!

140 Millionen Frauen und Mädchen genitalverstümmelt

Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist so allgegenwärtig, dass sie grausamer Alltag ist. Noch schlimmer: für viele fast schon "normal"! In der Türkei gab es eine erschreckende Umfrage: 62 Prozent der Männer befürworten Gewalt gegen Frauen. Diese Studie ist nicht aus dem tiefsten Mittelalter, sondern vom Frühjahr dieses Jahres!

Es war eine Umfrage der Universität Kirikkale bei 3.500 türkischen Männern. Dabei wurden die Befürchtungen und leider auch die Erfahrungen vieler Frauen bestätigt. Denn die Mehrzahl der Männer gab an, dass Gewalt gegen Ehefrauen völlig normal, sinnvoll und praktisch sei, um sie zu disziplinieren Die traurige Statistik bestätigt diese Einstellung, denn häusliche Gewalt hat in der Türkei in den letzten Jahren zugenommen. Weltweit gibt es Männer, die glauben, dass es absolut notwendig ist, Frauen zu schlagen, um sie zu disziplinieren. Und sie prügeln den Frauen das so heftig ein, dass die das sogar schon selber glauben.

"So ist es eben!" Diesen Satz hat die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet von einer Frau gehört, die damit resigniert ein Sprichwort kommentierte, nämlich "Quien te quiere, te aorrea" – "wer dich liebt, der schlägt dich!" Als junge Frau hat Michelle Bachelet selbst Gewalt erlebt. Heute ist sie UN-Untergeneralseketärin der Vereinten Nationen als geschäftsführende Direktorin (Executive Director) der UN-Frauen-Organisation UN Woman. Und sie weiß, es gibt noch viel zu tun. Doch was hat sich bereits getan?

In den letzten 32 Jahren hat sich an der Gesetzeslage schon einiges verändert. Mittlerweile gibt es in 125 Staaten Gesetze zum Schutz vor häuslicher Gewalt. Früher wurden Vergewaltigungen in Krisen und Kriegsgebieten quasi als Naturgesetz hingenommen. Heute ermöglichen klare Fortschritte beim Völkerrecht sexuelle Gewalt während und nach Konflikten strafrechtlich zu verfolgen.

Aber immer noch leben um die 600 Millionen Frauen in Ländern, in denen häusliche Gewalt nicht als Straftat verfolgt wird. 60 Prozent der Frauen weltweit erleidet mindestens einmal in ihrem Leben sexuelle oder physische Gewalt. Zwangshochzeiten und Kinderbräute sind in vielen Ländern immer noch gelebte Tradition. Und ca. 140 Millionen Mädchen wurden an ihren Genitalen verstümmelt.

Deshalb fordert jetzt auch die UN-Direktorin effektive Gesetze, die auch strikt befolgt werden. Außerdem müssen Täter konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Damit das passieren kann, müssen die Frauen allerdings auch ihre Peiniger anzeigen. In Deutschland geht die Polizei auch von einer hohen Missbrauchs- und Gewalt-Dunkelziffer aus. Aus Scham und Angst trauen sich viele Frauen nicht, Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Die Gewalt beginnt in den Köpfen. Falsches Überlegenheitsdenken und fehlendes Unrechtsbewusstsein sind die Grundlage dieser massiven Gewalt. Solange es nicht ein weltweites Umdenken gibt, bleibt für viele Frauen die größte Gefahr im Leben der Mann - meist sogar der eigene.

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