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Geschenke gerecht verteilen - geht das überhaupt?

Geschenke im Wandel der Zeit
Geschenke im Wandel der Zeit Teddy, Cluedo und Barbie 00:01:47
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Das Thema „Geschenke“ bzw. „Wer bekommt wie viele Geschenke?“ unter Geschwistern enthält ähnlich viele Stolperfallen wie Verhandlungen mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un über seine Atomwaffentests. Eigentlich hat man als Eltern nur zwei Möglichkeiten: Wirklich ganz gerecht und exakt gleich viele Geschenke zu verteilen – oder sich am Weihnachtsabend in großer Diplomatie üben.

Von Merle Wuttke

Es gibt keine Gerechtigkeit unterm Weihnachtsbaum

Gestern Abend saßen meinen Mann und ich im Wohnzimmer zwischen Bergen von Geschenkpapier und verpackten fleißig die Gaben für unsere drei Kinder. Wir hatten uns brav die Wochen vorher aufgeschrieben, wer denn nun was bekommt und versucht, peinlich genau darauf zu achten, dass keines der drei zu kurz kommt (was niemand von ihnen je tut, aber die kindliche Eigenwahrnehmung steht ja gern mal konträr zu den Tatsachen). Als wir fast alles verpackt hatten, schön säuberlich auf drei Haufen verteilt, sahen wir, dass wir – wie jedes Jahr – mit unserem Anspruch gescheitert waren. Denn egal, was man tut: Es gibt keine Gerechtigkeit unterm Weihnachtsbaum. Eben so wenig wie es den Weihnachtsmann und das Christkind gibt.

Also, wenn Sie sich die Mühe machen wollen, bitte. Aber glauben Sie mir, auch Sie werden scheitern. Statt also so viel Eifer in die gerechte Geschenkeverteilung zu stecken, sollten Sie lieber rechtzeitig in ein Coaching investieren, um am Heiligabend für Wutausbrüche, Vorwürfe und Tränen gerüstet zu sein. Denn natürlich steckt hinter dem Kinderwunsch nach gleich vielen Geschenken für jeden in der Familie nicht nur der übliche Futterneid, der die lieben Kleinen auch am Tisch befällt, sondern Größeres: Die Bestätigung, dass die Eltern den Bruder oder die Schwester nicht lieber haben, als einen selbst. Und deswegen werden Kinder quasi zur Geschenke-Stasi und beäugen peinlich genau, ob eines der Geschwister nicht doch ein klitzekleines bisschen mehr bekommen hat als es selbst.  

Hauptsache, DAS Geschenk ist mit dabei

Bis zu einem bestimmten Alter hilft es leider auch nicht, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sich Elternbliebe nicht in Geld messen lässt und dass das eigene Herz genug Liebe für alle (und sogar noch den Familienhund-, -meerschweinchen,- katze) hat. Dennoch: An den Verstand des Kindes zu appellieren, trägt irgendwann Früchte und spätestens, wenn es zwölf ist, ist der Stress vorbei. Wir haben eine Zeit lang versucht, tatsächlich immer dieselbe Anzahl an Sachen zu verschenken, aber das Prinzip geht spätestens dann nicht mehr auf, wenn der eine sich fünf Bücher, der andere aber ein einziges teures Lego-Teil wünscht.

Seitdem machen wir es so: DER absolute Herzenswunsch vom Wunschzettel wird erfüllt, der Rest wird an Tanten, Oma und Opa und Patenonkel verteilt. So bekommt zwar jedes Kind eine unterschiedliche Anzahl von Geschenken, aber viel wichtiger noch finden wir, dass DAS Geschenk, also das, über das seit Wochen gesprochen wird, dabei ist. Sollte dies soviel wie fünf andere Sachen zusammen kosten, dann gibt es eben auch nur dieses eine (zumindest in der Theorie). In der Praxis kommen oft doch wieder einiges dazu, aber davon knipsen wir meist wieder einen Teil für die Geburtstage, die drei Monate später anstehen, ab (und zwar immer beim Einpacken, wenn wir sehen, welche Fülle sich bereits wieder angesammelt hat). Aber natürlich führt dieses Prinzip dazu, dass am Heiligabend schon mal das eine Kind nach kurzer Zeit mit dem Auspacken fertig war, weil es für es einfach nicht mehr zum Auspacken gab, während das andere fröhlich weiter in seinen Geschenken wühlte. Und ja, diese Erfahrung kann schwierig sein, wenn man sieben oder acht Jahre alt ist, andererseits lernt man so auch das eigene Geschenk, das man so dringend haben wollte, zu schätzen (und es geht nicht in einer beliebigen Masse unter). Psychotherapeuten empfehlen ohnehin nicht mehr als drei Geschenke für ein Kind – denn nur so lerne es nicht nur die Wertschätzung der Gabe, sondern auch der Geste. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

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