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Germanwings-Absturz: Warum geht uns diese Katastrophe so nahe?

Unsere Angst basiert auf unserem Überlebensinstinkt

Tag eins nach dem Flugzeugabsturz. Immer noch herrscht Beklemmung. Schock, Entsetzen, Trauer, und Angst - die schlimmsten Gefühle brechen über uns herein. Manche finden das absurd, denn rational gesehen verunglücken täglich weltweit Millionen Menschen. Also warum sind wir von diesem Absturz über den Alpen so betroffen?

Germanwings Flugzeugabsturz
Warum bewegt uns dieser Absturz so sehr? © dpa, Maja Hitij

Von Dagmar Baumgarten

Politiker und Könige unterbrechen ihr Programm und reisen an die Unglücksstelle. Millionen Menschen posten Beileidsbekundungen. Präsident Obama sendet Bundeskanzlerin Merkel sein Beileid. Die ganze Welt scheint den Atem anzuhalten. Wehe, irgendjemand schreibt im Netz absichtlich, oder sogar unabsichtlich etwas vermeintlich Falsches. Schauspieler Matthias Schweighöfer erntete einen Shitstorm - einfach nur, weil er NICHTS zu dem Unglück postete!

Sind das alles noch angemessene Reaktionen, oder ist es schon eine Massenhysterie? Der Grund für unsere Emotionen: Hier treffen mehrere Schlüsselereignisse zusammen. Das erste ist: Die vermeintliche Verbundenheit. Es klingt banal, aber ist trotzdem eine Tatsache: Je näher ein Unglück an uns herankommt, umso betroffener macht es uns. Sind wir deshalb alle schlechte Menschen, weil wir mit den Schülern aus Haltern mehr mitfühlen, als mit anderen Unglücks-Opfern auf der Welt, die rein faktisch natürlich genauso wertvoll sind?

Nein, beruhigen uns Psychologen, denn das basiert nicht auf Bosheit, sondern dem banalen Überlebensinstinkt. Würden wir wirklich mit jedem Schicksal weltweit mitfühlen, würden wir das bei der bedauerlichen Situation in der Welt psychisch gar nicht verkraften. Schon um uns zu schützen selektiert unser Unterbewusstsein also, welches Ereignis wie viele Emotionen freisetzt.

Dabei ist es für unseren Instinkt logisch, dass die Erregung steigt, je stärker es vermeintlich unseren Lebensradius betrifft. Weil nämlich dadurch die Gefahr wächst, dass es mich und/oder meine Angehörigen im wahrsten Sinne des Wortes berührt! Ein Flugzeugabsturz einer deutschen Fluglinie löst bei vielen sofort diese Schreckens-Fragen aus: Hätte jemand, den ich kenne, da drin sitzen können? Wann muss, oder wann werde ich das nächste Mal fliegen? Was, wenn das meine Angehörigen wären, auf die ich jetzt vergeblich warten würde?

Fliegen ist faszinierend - und angsteinflößend

Neben der Nähe ist es auch die Art des Unglücks, die uns in einen hochemotionalen Bann zieht. Fliegen ist gleichermaßen faszinierend wie angsteinflößend. Es ist die Urangst, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Gekoppelt mit dem angeborenen Unwohlsein, dass man sein Leben den Piloten anvertrauen muss, und selber nichts tun kann, falls irgendetwas schief läuft.

Um nicht komplett dieser Hilflosigkeit ausgeliefert zu sein, klammern wir uns an die Statistik, dass das Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel der Welt ist. Umso heftiger ist der Schock, wenn das vermeintlich hochsichere Gefährt dann doch abstürzt. Das Tragische ist, dass es, im Gegensatz zum deutlich unsichereren Auto, im Falle eines Unfalls für die Beteiligten keine Chane auf Überleben gibt!

Gerade weil das alles auf uns einprasselt, suchen viele Trost bei anderen Menschen, die Ähnliches empfinden. Und umso empfindlicher reagieren sie auf vermeintliche oder auch reale taktlose Reaktionen. Deshalb gibt es auch im Moment so viele Shitstorms. Oft sind es Ventile für die Trauer und die Hilflosigkeit. Manch einer nutzt allerdings auch die jetzige Stimmung, um zweifelhafte Berühmtheit zu erlangen. So postet der österreichische Rapper Money Boy gerade geschmacklose Witze über den Absturz. Wohlwissend, welche Empörung er damit auslöst.

Für uns ist es einfach nur geschmacklos, was er da macht. Für die Angehörigen der Opfer ist es eine tiefe Verletzung. Sie erleben eine totale Hilflosigkeit und fühlen sich zusätzlich in ihrem Schmerz gekränkt. Professionelle Trauerbegleiter raten deshalb den Angehörigen mittlerweile, dass sie den sozialen Netzwerken fernbleiben, um den Trauerprozess nicht zusätzlich zu belasten.

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