Genitalverstümmelung: Ein grausames Ritual soll seine Macht verlieren

Weibliche Genitalverstümmelung ist ein grausames Ritual
Die Genitalverstümmelung an Mädchen gilt als Signal ihrer Ehefähigkeit © picture-alliance/ dpa/dpaweb, epa Pierre Holtz

Im Kampf gegen die weibliche Verstümmelung

Weibliche Genitalverstümmelung - ein grausames Ritual, von dem allein hier in Deutschland aktuell vermutlich 2.500 Mädchen bedroht sind. In ganz Europa erwartet nach Schätzung des Europäischen Parlaments 180.000 Mädchen dasselbe Schicksal - obwohl die Praktiken in Europa und auch in den meisten afrikanischen Staaten verboten sind. Sie gelten als Körperverletzung oder werden, wie in Deutschland, als eigener Tatbestand geahndet. Doch die Genitalverstümmelung hat noch andere gravierende Konsequenzen als die körperliche Verstümmelung.

Von: Ursula Willimsky

Der Eingriff markiert einen Cut in ihrem Leben: Das Ritual zementiert ihr künftiges Dasein als ungebildete Ehefrau, die völlig von ihrem Mann abhängig ist. Organisationen wie TERRE DES FEMMES setzen sich deshalb seit Jahren dafür ein, dass Mädchen unversehrt und frei zu Frauen heranwachsen können. Wir sprachen mit Katharina Kunze, der Fachreferentin im Kampf gegen Genitalverstümmelung, über Möglichkeiten, dem Mythos „Beschneidung“ seine Kraft zu nehmen.

Die Female Genital Mutilation (FGM) hat eine lange Tradition, so Kunze. Sie wurde ursprünglich von Nomadenvölkern praktiziert, um ein Fremdgehen der Frauen, aber auch eine Vergewaltigung zu verhindern. Die Scheide wurde nach der Beschneidung häufig bis auf eine winzige Öffnung zugenäht – kaum größer als ein Reiskorn. Menstruieren oder Urinieren: Nur noch unter Schmerzen möglich. Diese Form der Genitalverstümmelung gibt es noch heute. 10 Prozent der so verstümmelten Mädchen überleben den Eingriff nicht, 25 Prozent sterben an den Spätfolgen.

Außer bei symbolischen Praktiken ist die Verstümmelung der Klitoris üblich, oft wird auch ein Teil der Labien entfernt. Diese weniger radikalen Arten der Verstümmelungen können ebenfalls schwerwiegende gesundheitliche Folgen für die Opfer haben, wie Infektionen oder Schmerzen – auch, aber nicht nur beim Geschlechtsverkehr. Dabei wollen die Mütter, die ihre Töchter zur Beschneiderin schicken, eigentlich nur das Beste für ihre Töchter: die Tradition scheint diesen Schritt vorzuschreiben, oft pochen auch künftige Schwiegermütter auf den Eingriff, um dem Sohn eine Heirat mit einer „anständigen“ Frau zu garantieren.

Bildung und Aufklärung als Waffe gegen die Verstümmelung

Die Beschneidung gilt als Signal für die Ehefähigkeit eines Mädchens. „Leider müssen wir beobachten, dass die Genitalverstümmelungen in einem immer früheren Alter durchgeführt werden“, sagt Kunze, „manchmal schon, wenn die Kinder erst sieben Jahre alt sind.“ Danach können sie verheiratet werden. Sie verlassen als Quasi-Analphabetinnen die Schule und ziehen zur Familie des Mannes. „Wenn er dann auch noch Brautgeld gezahlt hat, leiten sich daraus oft wirtschaftlich begründete Ansprüche ab. Die Mädchen und jungen Frauen geraten in eine starke Abhängigkeit.“ Wenn TERRE DES FEMMES sich gegen die Beschneidung einsetzt, so Kunze, kämpft die Organisation auch dagegen, dass der Wert eines Frauenlebens an Paradigmen wie Jungfräulichkeit und „guten“ Hausfrauen-Fähigkeiten festgemacht wird.

Waris Diries Engagement setzt an einem ähnlichen Punkt an. Die wohl bekannteste Kämpferin gegen weibliche Genitalverstümmelung wurde selbst mit fünf Jahren Opfer dieser Praktik. Unter anderem mit ihrem Projekt „Rettet die kleinen Wüstenblumen“ will sie Mädchen vor Beschneidung und Zwangsverheiratung bewahren – und ihnen gleichzeitig eine selbstbestimmte Zukunft ermöglichen. Afrikanische Eltern können mit ihrer Foundation einen Vertrag schließen: Sie erhalten finanzielle Unterstützung, den Mädchen wird ein Schulbesuch ermöglicht. Im Gegenzug müssen sie in regelmäßigen Abständen die Unversehrtheit des Kindes von einer Ärztin bestätigen lassen.

Bildung und Aufklärung als Waffe gegen die Verstümmelung. Gesetze allein scheinen das Ritual nicht verhindern zu können. Gerade in Ländern, in denen die grausame Tradition verboten ist, werden laut TERRE DES FEMMES immer häufiger schon Säuglinge beschnitten werden, um einer Strafverfolgung zu entgehen: Fehlt eine Siebenjährige in der Schule, fällt das auf. Weint ein Baby drei Wochen lang, ist das normal.

Anzeige