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Generation Mitte: Woher kommt die neue Spießigkeit?

Generation Mitte
30-59-jährige wollen Stabilität © Deklofenak - Fotolia

Generation Mitte setzt auf vermeintliche Spießer-Werte

It's hip to be square! Huey Lewis and the News haben es schon 1986 gewusst: Es ist total angesagt, ein Spießer zu sein. Ein Lebensmotto, das anscheinend auch heute noch – oder gerade heute wieder – nichts von seinem Charme verloren hat: Die Deutschen sind gern bieder. Die sogenannte „Generation Mitte“, also alles zwischen 30 und 59, hält die traditionellen Werte hoch: Dauerhafte Beziehung, gute Freunde, der Mann als Hauptverdiener - Sicherheit geht ihnen über alles.

Von Ursula Willimsky

Allensbach-Chefin Renate Köcher fasst den Traum so zusammen: „Alles, was die Lebenssituation stabil hält“. Bei ihrer Umfrage fand sie mit ihren Mitarbeitern auch heraus, was den Mitte-Deutschen nicht so wichtig ist: Selbstverwirklichung. Und das Schöne: Damit sind sie richtig glücklich. Zehn Zufriedenheitspunkte maximal durften bei der Umfrage vergeben werden – der Durchschnitt lag bei zufriedenen 7,2 Punkten. Die heitere 50er-Jahre-Welt hat nur einen Nachteil: Vor allem Frauen kann sie teuer zu stehen kommen.

45 Prozent der befragten Eltern bevorzugen eine klare Rollenverteilung: Papa ist der Hauptverdiener, Mama arbeitet Teilzeit und kümmert sich um die Kinder. Nachteil: Papa zahlt auch mehr in die Rentenkasse ein. Und sollte ganz 50er-Jahre-ungemäss die Ehe in die Brüche gehen, hat Mama im Oma-Alter recht wenig Geld zur Verfügung. Köcher betonte, dass diese Generation für das Alter nicht so gut gewappnet sei: Rund 40 Prozent machten sich Sorgen um die eigene Altersabsicherung – vor allem Mütter mit Kindern unter 14 Jahren.

Und der Auftraggeber der Studie legt noch einen nach: Eine gute Altersvorsorge darf nicht davon abhängen, ob eine Ehe hält oder nicht, betonte er. Okay, der Mann ist Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft und damit vermutlich nicht völlig unbefangen was das Thema Versicherungen anbelangt. Aber die Frage, ob eine Frau im Alter finanzielle Einbußen hinnehmen muss, weil sie in gleichberechtigter Absprache mit dem damaligen Ehepartner auf ihre Karriere und damit auf eigenes Geld verzichtete, hat durchaus ihre Berechtigung, finden wir.

Das ist dann nämlich nicht spießig, sondern bitter. Und in Zeiten einer hohen Scheidungsquote gar nicht so unrealistisch. Obwohl: Die Scheidungsrate sinkt ja hierzulande: Das Statistische Bundesamt meldet einen Rückgang um 4,5 Prozent (2012 verglichen mit 2011). Jetzt gehen „nur“ noch 37 Prozent der Ehen in die Brüche.

Warum ist es spießig nach Sicherheit zu streben?

Weniger Scheidungen – fast möchte man sagen: Klar, bei den Werten der Generation Mitte. Und mehr Kinder wollen sie im Gegenzug auch. In einer anderen Studie fand das Allensbacher Institut nämlich heraus, dass der Wunsch nach Nachwuchs größer wird. Über die Hälfte der Unter-50-Jährigen will Kinder – 2008 wollten das nur 43 Prozent. Und tatsächlich scheinen die Geburtenzahlen zu steigen: Der Jahrgang 1979 – so eine Prognose des Max-Planck-Instituts – wird es auf 1,57 Kinder je Frau bringen. Keine Fußballmannschaft, aber immerhin.

Bleibt die Frage, weshalb sich so viele entscheiden für ein Leben abseits von Hedonismus oder Revolte. Da können wir nur spekulieren. Vielleicht war es früher einfacher, mit seinem Lebensweg ein bisschen zu experimentieren? Vielleicht ist dieser Wertewandel eine Art Trotzreaktion auf den gerne beklagten Werteverfall in der Gesellschaft? Eine Generation, die ihre Selbstverwirklichung nicht mehr nur in Adventure-Wochenenden zu finden hofft?

Rund 35 Millionen Deutsche gehören der Generation Mitte an. Und die ist zuständig für vieles: Sie muss den Großteil des deutschen Wirtschaftsproduktes erarbeiten, tüchtig Steuern zahlen, damit der Staat finanzierbar bleibt, sich um die Kindern kümmern und um die Alten. Vielleicht ist das einfach eine Generation, die diese Aufgabe auf sich nimmt?

In den Wirtschaftswunderjahren konnten es sich Frauen leisten, nicht arbeiten zu gehen. Liegt der Retrotrend vielleicht daran, dass es uns auch derzeit – verglichen mit manchen europäischen Staaten – richtig gut geht? Und Mama nicht außerhäusig arbeiten muss, sondern sich entscheiden kann (sofern die Alternative durch bezahlbare und managementbare Kinderbetreungsmodelle überhaupt realistisch ist)?

Und überhaupt: Wieso eigentlich ist es spießig und bieder, zu sagen, dass einem Werte wie Sicherheit, Familie, Freunde und ein schönes Daheim wichtig sind? Dass man ein einfaches, relativ unaufgeregtes und zufriedenes Leben führen will? Was meint Ihr? Schreibt uns, was für euch in eurem Leben wichtig ist!

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