LEBEN LEBEN

Gender Pay Gap: Höhere Preise für Männer, weil sie mehr verdienen?

Gender Pay Gap: Höhere Preise für Männer, weil sie mehr verdienen?
Der Gender Pay Gap macht darauf aufmerksam, dass Frauen für dieselbe Arbeit weniger als Männer verdienen.

Heftige Reaktionen auf geschlechtsabhängige Preise

Was kann uns ein unschuldiger Cupcake, verziert mit viel Zuckerguss und Streusel, schon groß über die Welt, über das Mensch-Sein oder unsere Gesellschaft erzählen? Tja, sagen wir mal so: Wenn er Teil einer Aktion ist, die auf den Lohnunterschied zwischen Männer und Frauen hinweisen soll, hat er nach der Aktion eventuell sogar erschreckend Vieles und Heftiges zu berichten. Zum Beispiel von Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen, mit denen die Frauen, die ihn gebacken und verkauft haben, angegriffen wurden.

Von Ursula Willimsky

Im Umfeld einer australischen Universität ist genau das passiert. Studentinnen der Uni von Queensland machten mit via Kuchenverkauf auf die Lohnunterschiede Down Under aufmerksam: Männer zahlten für einen Cupcake 1 AU$, eine weiße Frau zahlte 83 Cent, Frauen mit afrikanischen Wurzeln nur 55 Cent.

Schöner und einfacher hätte man die Sache mit den Einkommensunterschieden zum Equal Pay Day kaum darstellen können: Wer gehaltsmäßig das dickste Stück vom Kuchen bekommt, muss den Normalpreis zahlen, alle anderen bekommen proportional zur durchschnittlichen Verdienst-Schere Rabatt. Man muss kein Mathe-Genie sein, um anhand dieser Preistabelle zu sehen und zu verstehen, dass manche Menschen in Australien deutlich weniger verdienen als andere.

In anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus. In Deutschland beträgt die Lohnlücke laut Statistischen Bundesamt 21 Prozent, in der bereinigten Version immer noch durchschnittlich 7 Prozent. Bei einem politisch motivierten Kuchenverkauf an der Universität Pusemuckel müssten also auch hierzulande Frauen weniger für ihr Stückchen Streuselkuchen zahlen als Männer. Vermutlich würde das auch nicht jedem Dozenten und jeder künftigen Führungskraft schmecken, aber Aktionen sind ja nicht da, um von allen toll gefunden zu werden, sondern um das Bewusstsein für Missstände zu schärfen.

Das ganze könnte man prima weiterspinnen: Wenn schon ein Kuchenverkauf so viele Wellen schlägt – für wie viel mehr Diskussionen würden dann erst Aktionen in anderen Bereichen sorgen? Grundnahrungsmittel: Frauen zahlen für den Liter Bio-Milch 87 Cent, Männer 1,10 EUR. Miete: Frauen zahlen 7,50 EUR je Quadratmeter. Männer: Ein Fünftel mehr. Eintrittskarten für Justin Biber: junge Frauen blättern ein Vermögen hin, Männer gar nix, weil die da nicht hingehen. (Schlechtes Beispiel).

Nehmen wir lieber Autos. Nein, das ist auch schlecht, da lassen sich Männer- und Frauenvorlieben ebenfalls nicht vergleichen. Andererseits wäre eine Aktion in diesem Segment natürlich perfekt, um der – männlichen - Zielgruppe vor Augen zu führen, dass die vielzitierte Gender Gap, also die Gehaltslücke, tatsächlich weh tut. Und dass sie mehr ist als nur eine statistische Größe, geboren aus der Weigerung einer Bevölkerungsgruppe, die Ingenieurslaufbahn einzuschlagen.

Die Angst davor, ein Stückchen vom Kuchen abgeben zu müssen

Andererseits sind Autohäuser vielleicht tatsächlich nicht die richtige Bühne, um auf Gehaltsunterschiede hinzuweisen: Viel zu viel Testosteron, viel zu viele Emotionen sind da im Spiel. Da könnte eine stunden- und ausnahmsweise Bevorzugung von Frauen für gewaltige Missstimmungen sorgen. Wobei „Bevorzugung“ im Grunde das völlig falsche Wort ist – es ginge ja darum, eine Benachteiligung auszugleichen. Die Bevorzugung würde erst im nächsten Schritt beginnen, dann nämlich, wenn einer für das Gleiche mehr bekommt als der andere. Huch. Jetzt sind wir irgendwie beim Dauerbrenner „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ und Co. gelandet…

Zurück zu den Aktionspreisen für Gebäck oder auch Autos. Dass derartige Ideen selbst im Niedrigpreis-Segment für gefährlichen Zündstoff sorgen könnten – diese Lehre müssen wir aus der australischen Cupcake-Aktion ziehen, die heftigste Reaktionen provozierte. Nicht vor Ort, aber später, bei der Nachbereitung im Netz. Einige der Studentinnen hatten Berichte über ihren Verkaufsstand und die höhere Idee dahinter gepostet und wurden dafür von etliche Männer mit Beschimpfungen und Bedrohungen – von Mord bis Vergewaltigung – überhäuft. An der Gegenreaktion beteiligten sich auch völlig unbeteiligte Menschen, die erst via Netz von der Aktion erfahren hatten, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte der Universität in einem Artikel im „Guardian“.

Die Angst, ein Stückchen vom Kuchen abgeben zu müssen, scheint in manchen Kreisen immer noch sehr groß zu sein. Insofern hat die Cupcake-Aktion sogar sehr gut funktioniert: Sie hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Thema Lohngerechtigkeit noch immer aktuell ist. Und dass es vermutlich noch viele, viele Cupcake-Stände und Equal-Pay-Days braucht, bis eine Lösung gefunden ist, die gerecht ist und allen zusagt.

Anzeige