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Gehaltsvergleich: Sorgen transparente Gehälter für mehr Gleichberechtigung von Frauen?

Wie viel verdienen eigentlich meine Kollegen?
Wie viel verdienen eigentlich meine Kollegen? Transparente Gehälter für mehr Gleichberechtigung 00:02:22
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Sind transparente Gehälter die Lösung gegen ungerechte Bezahlung?

Immer noch klaffen große Lücken zwischen der Bezahlung von Frauen und Männern. Und obwohl dieses Problem seit Jahrzehnten bekannt ist und jedes Jahr am Tag der Gender Pay Gap darauf erneut hingewiesen wird, ändert sich nichts. Ist Transparenz die Lösung?

Von Merle Wuttke

Ich gehe mal davon aus, dass Sie, die Sie gerade diesen Text lesen, eine Frau sind. Dann hätte ich jetzt eine Bitte an Sie: Falls Sie berufstätig sind, arbeiten Sie doch ab jetzt einfach ein Fünftel weniger als Ihr männlicher Kollege. So viel weniger als er verdienen Sie im Schnitt nämlich – obwohl Sie derselben Arbeit nachgehen. Keine gute Idee? Stimmt, ein solches Verhalten könnte Sie auf Dauer in Schwierigkeiten bringen.

Dann ist der Vorschlag von Frauen-und Familienministerin Manuela Schwesig vielleicht doch die bessere Variante: Sie möchte, dass Unternehmen, die mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen, die Gehälter der Angestellten auf Anfrage offenlegen – und zwar aller Angestellten. Diese Transparenz soll dafür sorgen, dass Frauen bei den Gehältern endlich mit den Männern gleichziehen können, weil sie dann schwarz auf weiß sehen, was der Kollege mit der gleichen Ausbildung und Erfahrung eigentlich verdient.

Bei unseren skandinavischen Nachbarn ist dieses Modell übrigens schon lange Standard, da weiß jeder von jedem, was der am Monatsende nach Hause bringt – so etwas wie die typisch deutsche Herumdruckserei sobald es um das eigene Gehalt geht, kennen die Schweden nicht. Warum auch. Warum muss es Geheimnis sein, was man selbst oder andere verdienen? Erstens erleichtert das Wissen darum die eigenen Verhandlungsmöglichkeiten, weil man verlässliche Zahlen hat und sich so besser vergleichen kann. Zweitens sorgt es automatisch für mehr Gerechtigkeit.

Sind Frauen selbst schuld, wenn sie weniger verdienen?

Aber natürlich regt sich sofort Widerstand gegen ein solches Szenario. Und dieser kommt – Überraschung – von den Arbeitgeberverbänden. So meint Christina Ramb von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in einem Interview mit 'Guten Morgen Deutschland' unter anderem, es gäbe keinen Unterschied bei der Bezahlung von Frauen und Männern in den einzelnen Unternehmen. Zumindest könne der nicht statistisch belegt werden... Aha, von der Gender Pay Gap hat sie wahrscheinlich auch noch nie gehört.

Nein, sie vermutet den Grund für die ungleiche Bezahlung der Geschlechter eher darin, dass Frauen Kinder bekommen und eine Zeitlang zu Hause bleiben und sich damit selbst die Chance nehmen genauso viel zu verdienen. Nur ist es ja so, dass zumindest im Moment noch, wir Frauen die Kinder bekommen müssen, wenn wir welche wollen – leider ist die Reproduktionsmedizin noch nicht so weit, dass die Männer diesen Job übernehmen.

Keine Ahnung, ob Frau Ramb Kinder hat, aber diese Argumentation erscheint überflüssig wie ein Kropf. Wir sind also selbst schuld, wenn wir so blöd sind, unsere Kinder nicht nur zu gebären, sondern auch noch Zeit mit ihnen verbringen zu wollen. Darüber hinaus kann jede Mutter, die in Teilzeit arbeitet, ein Lied davon singen, dass sie mindestens genauso viel wegschafft wie der Kollege in Vollzeit: Sie spart sich nämlich die ausgiebige Mittagspause, den Nachmittagskaffee mit den Kollegen und den Büroschnack.

Sicher sind wir Frauen oft immer noch zu brav, was unsere Lohnforderungen angehen und gerade wenn wir in Teilzeit arbeiten, denken wir, wir könnten jetzt nicht noch ein höheres Gehalt vom Chef fordern. Warum eigentlich?

Unsere Leistung, Erfahrung und Kompetenz hängt doch nicht von einer Stundenzahl ab, die wir ableisten. Um also Frauen gerade diese Verhandlungen ums Geld zu erleichtern, brauchen wir die Gehälter-Transparenz in den Unternehmen – und die wird nicht von Firmen selbst kommen. Man sieht ja anhand der Frauenquote, wie zäh und unflexibel sich Unternehmen geben, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht – insofern ist der Vorstoß aus der Politik genau das richtige Signal.

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