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Gehalts-Unterschied: Männer könnten sich ein Einfamilienhaus mehr leisten!

Gehalts-Unterschied: Frauen verdienen im Leben eine halbe Million weniger
Gehalts-Unterschied © carlosseller - Fotolia, Klaus Tiedge

Gehalts-Unterschiede - woran liegt es?

Neue Studie: Frauen müssen für´s gleiche Geld 10 Jahre länger arbeiten:10 Jahre - etwa 2.500 Arbeitstage – müssen Frauen in Deutschland überschlagsmäßig mehr arbeiten, um an Ende ihres Berufslebens auf dasselbe Gesamtgehalt zu kommen wie ein Mann. In Großbritannien spricht eine neue Studie sogar von 12 Jahren. Entgelt-Ungleichheit nennt sich das im Frauenministeriumsjargon – ungerecht könnte man auch sagen. Woran liegt es, dass Frauen hierzulande oder auch weltweit immer noch so viel weniger Geld verdienen als Männer? Diese Frage haben wir Simone Denzler gestellt, die bei den 'Business und Professional Women Germany' (BPW) als Pressesprecherin für den 'Equal Pay Day' zuständig ist.

Von Ursula Willimsky

In den vergangenen 15 Jahren hat sich bei diesem Thema "kaum etwas getan", so Denzler, "der Unterschied pendelt zwischen 20 und 23 Prozent". Eine Zahl, bei der es eben nicht darum geht, ob sich der eine handgenähte Business-Schuhe leisten kann und die andere nur preiswerte Stiefeletten: "Es gibt Berechnungen, nach denen ein Mann im Laufe seines Berufslebens den Gegenwert eines Einfamilienhäuschen mehr verdient, wenn er jedes Jahr 100 Euro Gehaltserhöhung bekommt und die Frau nicht", so Denzler. Und das kann Folgen bis ins hohe Alter haben: Der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (vorgelegt im Jahr 2011) hat "aufgezeigt, wie nachhaltig sich unterschiedliche Bruttostundenlöhne zu Einkommenseinbußen für Frauen addieren - bis hin zu gravierenden Unterschieden bei der Alterssicherung von Frauen und Männern. Die Alterssicherungslücke zwischen Frauen und Männern liegt in Deutschland bei 59 Prozent", ist auf der Seite des Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend zu lesen.

"Unterschiedliche Bruttostundenlöhne" – das lässt uns spontan an die alte und immer noch aktuelle Forderung "gleiches Gehalt für gleiche Arbeit" denken. Doch darum geht es in der Diskussion nicht ausschließlich. Diese Form der direkten Diskriminierung – der Kollege vom Schreibtisch gegenüber bekommt für exakt die gleiche Arbeit mehr Geld – nennt sich "bereinigte Lohnlücke". In Deutschland, so das Familienministerium, verdienen bei "vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation" Frauen im Schnitt acht Prozent weniger als Männer. Ein großer Unterschied.

Gehalts-Unterschiede: Schlechter bezahlt und schlechter bewertet

Aber es geht noch größer. Denn es gibt auch die sogenannte "unbereinigte Lohnlücke" mit ihren über 20 Prozent, die sich besonders in Westdeutschland breit macht. Hier gilt: Je älter die Arbeitnehmerin und je höher ihre Ausbildung, desto größer ist der finanzielle Abstand zu den männlichen Kollegen. Begünstigt wird dieses Gefälle, so Denzler, durch ein ganzes Bündel an Rollen-Stereotypen: Der Mann gilt immer noch als Ernährer. Die Frau steckt – falls sie Mutter wird – beruflich zurück. "Hinzu kommt, dass heutzutage das Schulsystem fast zwingend voraussetzt, dass Elternarbeit geleistet wird. Wie soll das funktionieren, wenn beide Vollzeit arbeiten?". Oft kehren die Frauen nur in Teilzeit oder Minijob in die Arbeitswelt zurück. "Und das", so die 'Equal Pay Day'-Sprecherin, "ist dann die Katze, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Denn Teilzeit bietet einerseits kaum Fortbildungs- oder Karrieremöglichkeiten, andererseits liegen die Stundenlöhne niedriger. Und am Monatsende bekommt man ohnehin nur ein Teil-Gehalt im Vergleich zur Vollzeit-Stelle". Im Gegensatz dazu hängen sich Teilzeitkräfte aber oft besonders in ihre Arbeit, so Denzler. In manchen Branchen könne man eben nicht in Stunden rechnen, sondern das Projekt müsse halt irgendwie fertig werden. Ob man dafür in Vollzeit 40 Stunden braucht oder die Pausen ausfallen lässt und in 32 Stunden fertig ist, spielt keine Rolle. Höchstens für die Arbeitgeber-Bilanz in Form von niedrigen Lohnkosten.

Und ab und zu komme eine Frau leider auch zu dem Schluss, dass externes Arbeiten sich für sie nicht rechnet: Ehegatten-Splitting und kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse ließen viele am Sinn ihrer Berufstätigkeit zweifeln. "Negativ-Anreize" der Politik nennt Denzler das, genauso wie das Betreuungsgeld.

Es sind viele, viele Faktoren, die sich zur Entgelt-Ungleichheit summieren und die in Arbeitszeit umgerechnet Jahre ausmachen können. In vielen gut bezahlten Branchen oder Stellungen fehlen Frauen nach wie vor fast völlig. Dafür sind sie in – traditionell schlecht bezahlten – Ressorts wie dem Gesundheitswesen sehr engagiert. 80 Prozent der dort Beschäftigten sind weiblich. Und verdienen - fast möchte man sagen: natürlich - relativ wenig.

Die Aufwertung von Berufen mit einem hohen Frauenanteil ist eines der Ziele des BPW. "Lohnfindung im Gesundheitswesen" war das Motto des Equal Pay Days im Frühling 2013 (der Equal Pay Day findet an dem Tag statt, an dem Frauen rein rechnerisch und symbolisch den Einkommensrückstand gegenüber Männern aus dem Vorjahr aufgeholt haben. Und das dauert nach Berechnungen des BPW jedes Jahr etwa drei Monate). Schlechter bezahlt und schlechter bewertet – so sieht Denzler die Arbeit vieler Frauen. Und wünscht sich eine "höhere Wertschätzung" von frauentypischen Berufen: "Dass ein Müllwerker schwere körperliche Arbeit leistet, schlägt sich in seinem Gehalt nieder. Dass eine Altenpflegerin ebenfalls schwere körperliche Arbeit leistet, merkt sich auf ihrem Lohnzettel leider nicht." In München zum Beispiel liegen zwischen Müllwerker und Altenpflegerin etwa 400 Euro brutto – oder anders gesagt: Eine Menge Arbeitszeit, die die Pflegerin zusätzlich investieren müsste, um auf dasselbe Gehalt zu kommen.

Das Schwerpunktthema des nächsten EPD wird "Minijobs und Teilzeit" sein.

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