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Geburtsvorbereitungskurs? Hier entlang!

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Allein unter Kugelbäuchen und genervten Männern

Oje, wir sind spät dran. Falsch abgebogen, dem falschen Schild gefolgt, keine Ahnung. Hektik. Plötzlich die Rettung: Eine NONNE erkennt unsere Not und weist meiner Schwangeren und mir den Weg zum Schwesternwohnheim. Eine Nonne! Jetzt kann jawohl nichts mehr schief gehen. Tür auf, kurzer Blick in den Seminarraum: Mehrere Frauen mit kugelrundem Bauch und Begleitperson, eine Frau mit flachem Bauch im Schneidersitz – offenbar die Hebamme. Na dann, Tür zu und rein ins Vergnügen: Wochenendkurs Geburtsvorbereitung, Tag 1.

Von Sebastian Priggemeier

Soso! Ich bin gespannt, denn manche sagen 'Hechel-Seminar' und rollen dabei mit den Augen. Meine Freundin Tini und ich nicken freundlich, ehe wir uns auf die letzte freie Turnmatte am Boden setzen. Graues Linoleum, ein paar Holzstühle und eine grüne Tafel, genau wie früher im Klassenzimmer. Hier haben aber schon einige Generationen von Eltern das Einmaleins des Kinderkriegens gelernt, denke ich noch, da geht es direkt zur Sache: 80 Euro sind fällig, zumindest von den Männern. Bei den Frauen übernimmt die Krankenkasse den Beitrag für das Seminar, erklärt Hebamme Kerstin und zückt die Teilnehmerliste. Portemonnaie auf, Scheine raus, bitte da und dort unterschreiben.

Ein bisschen beklemmend ist es ja schon, sofort zur Kasse gebeten zu werden. Aber beim Blick in die Runde wird mir klar, warum das Ganze nötig ist: Tote Augen. Die meisten Männer sehen aus, als wären sie von ihren Frauen unter Androhung fieser Strafen hierher gezwungen worden. Sportschau-Verbot oder noch Härteres. Bin ich echt der Einzige, der alles über Wehen, Blasensprung und Gebärpositionen erfahren will? Einige Jungs sehen aus, wie vor der Umkleidekabine von H&M vergessen. Sie könnten genauso gut auf den Bus warten oder beim Friseur sitzen.

"Um 15.30 Uhr bin ich hier weg", raunt mir ein Turnmatten-Nachbar zu. Zwinker, Zwinker. Anstoß Fußball-Bundesliga, schon klar. Das soll verschwörerisch sein – und ich spiele mit, obwohl mein Lieblingsverein gar nicht in der ersten Liga kickt. Solidarität unter Männern ist gefragt, denn jetzt geht es um unsere Rolle im Kreißsaal.

Sind wir zum Zuschauen verdammt? Nein, wir sind eine WICHTIGE Unterstützung, sagt die Hebamme: Wir halten Händchen, tupfen der Schwangeren die Stirn, feuern sie an. Als Assistent. Wie der Co-Pilot im Flugzeug? "Ja, genau!" Oder wie der Typ im Begleitfahrzeug, der dem vor Erschöpfung ächzenden Radprofi bei der Tour de France die Wasserflasche reicht. Und was ist mit dem Geschrei und den Gerüchen, wollen manche wissen? Einige Männer überlegen nämlich noch, ob sie überhaupt im Kreißsaal dabei sein sollten. Blut, Schleim und Tränen - alles halb so wild, wenn man Teil des Chaos ist, weiß Hebamme Kerstin. Pünktlich zum Feierabend sind doch noch alle Feuer und Flamme.

"Oooh" und "Aaaah" sind gut gegen Schmerzen

An Tag 2 ist etwas anders. Eine Turnmatte liegt in der Mitte des Raumes, ein kleiner Zettel vor jedem Platz. Oh nein, bitte nicht - Gruppenarbeit! Aber es kommt noch schlimmer: Jedes Paar muss eine Entspannungs-Position vorturnen. Und die ist auf den kleinen Zetteln abgebildet. Tini kriegt große Augen, ich rote Ohren. Sieht schwer nach Kamasutra aus. Wieso muss sie mit ihrem Babybauch auf mir liegen? Das soll bequem sein?! Oh Gott, oh Gott. Im letzten Moment bemerkt ein anderes Paar, dass wir den Zettel die ganze Zeit verkehrt herum gehalten haben. Puuh!

Aber zu früh gefreut, denn kurz danach wird die Schamgrenze doch noch deutlich überschritten. Hecheln und Stöhnen steht auf dem Programm. Im Schwesternwohnheim herrscht eine Geräuschkulisse wie beim Porno-Casting, alle grinsen. Wenn das die Nonne wüsste! „Oooooooh“- und „Aaaaaaaaah“-Laute sind gut gegen Schmerzen, schrille „iiiiiiiiiiih“-Töne nicht, sagt die Hebamme. Und immer schön in den Bauch atmen. Das kommt alles auf meine Liste für den Kreißsaal. Damit ich wenigstens beim nächsten Ausflug zum Krankenhaus weiß, wo es lang geht. Ungefähr zumindest.

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