Geburtenrate: Warum bekommen wir immer weniger Kinder?

Die Geburtenrate ist weiter gesunken

„Der ganze Zug hat mich nach kürzester Zeit gehasst.“ Kein schöner Satz, mit dem die französische Schauspielerin Julie Delpy da ihre jüngste Deutschlandreise beschreibt. Dabei hatte sie eigentlich nichts wirklich Schlimmes getan – sie hatte einfach nur ihren dreijährigen Sohn dabei. Und als der „etwas unruhig“ geworden sei, habe nicht viel gefehlt, und die Mitreisenden hätten sie rausschmeißen lassen. Deutschland sei kinderfeindlich, konstatierte die Regisseurin in einem Interview.

Geburtenrate: Warum bekommen wir immer weniger Kinder?
© dpa, Z5556 Waltraud Grubitzsch

Ursula Willimsky

Zur Verteidigung unserer Landsleute können wir eigentlich nur eins sagen: Vielleicht sind die Deutschen ja gar nicht kinderfeindlich, sondern haben nur vergessen, wie das so ist mit Kindern. Denn von denen gibt es ja immer weniger. Die Geburtenrate hierzulande sank 2011 auf 1,36 Kinder je Frau – laut statistischem Bundesamt ging die durchschnittliche Geburtenzahl vor allem bei den jüngeren Frauen zurück, während sie bei den Frauen von Mitte 30 bis Mitte 40 zunahm.

Woran liegt´s? Diese Frage stellten sich nun Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Hauptaugenmerk lag dabei vor allem auf der Frage, weshalb Paare Kinder wollen – aber dann doch keine bekommen. Aber natürlich interessierte auch, weshalb so viele überhaupt keine Kinder wollen. Vor allem aber wollten die Wissenschaftler mit „Mythen und Legenden rund um die Themen Geburtenrate und Fruchtbarkeit“ aufräumen. In der Analyse der „Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften“ wurde deshalb ein ganzes Bündel an denkbaren Maßnahmen vorgeschlagen, die ein Ziel haben: Das „Wohlbefinden von Eltern und Kindern“ zu steigern. Wie kann „insbesondere die Arbeitswelt verändert werden“, um das „Leben von und mit Kindern positiv zu gestalten“?

In einer Presseerklärung regt die Akademie unter anderem an, Familienzeit in Form eines „Familienzeitkredits“ über den ganzen Lebenslauf hinweg abzusichern. Und eine Kindergrundsicherung zu gewähren, die transparent, unbürokratisch und verlässlich ist. In einem Interview mit der „Welt“ bringt es Günter Stock, Präsident der BBAW, so auf den Punkt: „Es kann doch nicht angehen, dass alles zusammenbricht, wenn das Kind morgens um 8 Uhr hustet. In manchen Familien führt betriebliche Mehrarbeit von nur einer Stunde gleich zu einer Katastrophe, weil die Betreuungssituation für solche Fälle nicht geregelt ist. Wir brauchen also mehr und qualitativ bessere Infrastrukturen der Kinderbetreuung. Es darf dabei nicht der Fall eintreten, dass Eltern ihre Kinder nur mit schlechtem Gewissen einer betreuenden Einrichtung übergeben, weil sie von deren Qualität nicht überzeugt sind.“ Länder mit höheren Geburtenraten – wie Skandinavien und Delpys Frankreich – nannte er als Vorbild.

Bessere Organisation = höhere Geburtenrate?

Doch ist es wirklich nur die Frage der Kinderbetreuung, die Frauen und Männer davon abhält, Eltern zu werden? Überlegen sich Karl und Karin wirklich zuerst, ob es in der Nähe einen Kindergarten mit langen Öffnungszeiten gibt, bevor sie beschließen, dass sie jetzt die Pille absetzen? Hmm. Zunächst einmal braucht Karin ja einen Karl, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen kann und mit dem sie Kinder haben will. Und dass die Partnersuche, beziehungsweise Partnerfindung heutzutage nicht immer einfach ist, wissen viele von uns ja. Prognosen gehen davon aus, dass 2030 81 Prozent der Haushalte nur noch aus einer oder zwei Personen bestehen werden. Familien mit Kindern werden immer seltener. Oder doch nicht? Zumindest die Berliner Wissenschaftler wittern eine gewisse Trendwende. Akademikerinnen über 30 bekommen heute im Schnitt mehr Kinder als noch vor fünf Jahren. Und von denen gibt es immer mehr: Über 50 Prozent eines Jahrganges macht heutzutage Abi – und studieren dann. Oder haben einen guten Job. Für diese Frauen und Männer, so Stock, ist es wichtig, dass sie trotz Kindern die Möglichkeit haben, in materiellem Wohlstand zu leben und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Also auch hier: Flexible Betreuungsmöglichkeiten müssen her! Die man sich leisten kann und die nicht zu aufwendig zu organisieren sind.

Manche Großunternehmen bieten inzwischen solche Betreuungen an. Und wer weiß? Vielleicht gibt ja der drohende Fachkräftemangel noch den ein oder anderen Kick in diese Richtung. Dass Familie und Beruf vereinbar sind, beweist derzeit ja zum Beispiel Marissa Mayer. Die Yahoo-Chefin ist seit gestern wieder Vollzeit in ihrem Job. Was vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil sie erst vor zwei Wochen zum ersten Mal Mutter wurde. Für manche ist sie, die hochschwanger den Job bei Yahoo antrat, so etwas wie eine moderne Vorzeige-Karriere-Mutti. In den Augen von anderen schießt sie über das Ziel hinaus. Familienministerin Kristina Schröder zum Beispiel sagte dem „Spiegel“, sie sehe es mit Sorge, wenn prominente Frauen öffentlich den Eindruck erwecken, der Mutterschutz sei etwas, das eigentlich gar nicht notwendig ist.“

Nun ist aber natürlich Frau Mayer eine Ausnahmeerscheinung, die diese Entscheidung wohl aus freien Stücken gefällt hat. Und außerdem dürfte es ihr aufgrund ihrer finanziellen Grundausstattung (geschätztes Gehalt für fünf Jahre: 120 Millionen Dollar) nicht schwer fallen, für ihren Sohn eine qualifizierte Rundum-Betreuung zu organisieren. Wie viel Zeit sie in ihrem Timer für Basteln und Singen blockt, bleibt ja ihre Privatsache. Genauso wie ihre Muttergefühle. Apropos: Julie Delpy hat auch dazu ihre eigene Theorie: Sie glaubt laut „Spiegel“ an die deutsche Neigung, „Frauen Schuldgefühle zu vermitteln, wenn sie nach der Geburt wieder arbeiten wollen“. Für die Wahl-Amerikanerin, die mit einem Deutschen liiert ist, einer der Hauptgründe für die niedrige Geburtenrate hierzulande.

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