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Führung in der Familie oder: Was ich von Wölfen lernen kann

Kinder brauchen Führung und klare Grenzen
Jesper Juul fordert Eltern dazu auf, Leitwölfe für ihre Kinder zu sein.

Familientherapeut Jesper Juul schreibt über Leitwölfe in der Familie

'Leitwölfe sein' - so heißt das neuste Buch des populären dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Er fordert darin, dass Eltern sich (wieder?) darauf besinnen sollen, die Führung in der Familie zu übernehmen. Das Alpha-Tier zu sein, das die Richtung vorgibt, die Verantwortung übernimmt und sich traut, Entscheidungen zu treffen. Er fordert etwas, was auf den ersten Blick so selbstverständlich und logisch scheint, aber im Alltag so schwierig, anstrengend und zum Teil ungeheuer frustrierend ist.

Von Alexandra Diemair

Ein Alltag mit Kindern besteht aus Entscheidungen. Muss das Kind am Morgen die Regenjacke anziehen, wie viele Gummibärchen sind am Tag erlaubt, wann darf das Kind entscheiden, wie lange es aufbleiben darf und ob es seine Schularbeiten in eigener Verantwortung erledigt? Dieses sich ständig Entscheiden-Müssen ist wohl eines der anstrengendsten Dinge am Kinderhaben, bedeutet es doch, dass der Entscheider, in dem Falle wohl ich, weiß, was das Richtige ist.

Um die Führung zu übernehmen, die Jepser Juul fordert, muss ich wissen, welcher Weg der richtige ist. Und ich muss die Kraft und den Willen haben, diesen oftmals unpopulären –zumindest in den Augen meiner Kinder- Weg zu gehen. Ich muss mich Zweifeln und Ängsten stellen. Denen, ob ich richtig entschieden habe, denen, ob mein Kind sich jetzt ungeliebt fühlt, denen, ob ich zu streng, zu autoritär, zu limitierend war.

Wir sind eine Elterngeneration, die mehr als jede andere zuvor ihre Kinder in Entscheidungsprozesse miteinbezieht. Den mündigen, demokratischen Bürger wollen wir heran ziehen. Nicht den duckmäuserischen Ja-Sager und Mitläufer. Und noch eins wollen wir. Wir wollen geliebt werden von unseren Kindern. Wir wollen die entspannte, lockere Mutter-Freundin, der coole Kumpel-Papa sein, nicht der strenge autoritäre Familienpatriarch oder die Chefin. Und deshalb lassen wir die Kinder mit entscheiden. Sie sollen wählen, mitbestimmen können. Und wir sind raus aus der Nummer, unpopuläre, uncoole Entscheidungen zu treffen.

Auf der Strecke bleibt dabei Juuls Diagnose zufolge etwas Grundlegendes und Elementares: Orientierungspunkte für die Kinder. Viele Kinder lernen heute nicht mehr, dass ihre Eltern Grenzen haben, die sie nicht überschreiten dürfen. Und viele Eltern vergessen genau das: sich abzugrenzen. Mein Raum, dein Raum. Mein Bedürfnis, dein Bedürfnis.

Eltern sollten klar sein

Wenn ich mich so umschaue, sehe ich gestresste Eltern mit akutem Schlafmangel, die klagen, dass ihr Kind einfach mal wieder um zehn Uhr abends sein Lieblingsbuch vorgelesen bekommen wollte. Ich sehe Eltern, die sich mitten im Gespräch bereitwillig von ihrem Vierjährigen unterbrechen lassen, der der gerade „eine ganz wichtige Geschichte erzählen muss“. Und ich sehe mich, die ihre 10-jährige Tochter zurecht weist (das ist ein freundliches Wort für anschreien), weil sie um 21:00 Uhr abends von mir den Stoff für die morgige Klassenarbeit erklärt bekommen will. Und die sich wutschnaubend hinsetzt, um mit ihr den Stoff zu wiederholen.

„Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden“, schreibt der Familientherapeut Juul. Den heutigen Eltern falle es schwer, so der Erziehungsexperte, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, Nein zu sagen und Verantwortung für die Kinder zu übernehmen. Ja, denn das ist ja auch so unendlich schwierig und anstrengend. Schwierig, weil man oft nicht weiß, welche eigentlich die Richtung ist, in die man führen möchte. Und anstrengend, weil man sich durchsetzen muss. Konsequent sein. Und weil man sich immer und immer wieder mit sich selbst auseinandersetzen muss. Mit den eigenen Bildern. Den Erfahrungen in der eigenen Kindheit. Dem, was man anders machen will. Dem, wo man hin will. Und was man für seine Kinder erreichen will. Und warum.

"Unsere Kinder brauchen keine Perfektion, sie müssen nur fühlen, dass wir ernsthaft nach uns selbst suchen und nicht nur nach einfachen oder fertigen Lösungen", tröstet mich Jesper Juul. Eltern sollten klar sein, aber nicht autoritär, Verantwortung übernehmen, aber nicht alles bestimmen und natürlich Liebe und Geborgenheit vermitteln. "Die beste Form der Kindererziehung ist der fortwährende Dialog, in dem sich beide Seiten besser kennenlernen und in dem sich Kinder die Erfahrungen und die Weisheit ihrer Eltern freiwillig zunutze machen können. Es ist eine Einladung, die auf eindeutigen Beweisen und Erfahrungen beruht", so Juul.

Und so setzte ich mich zu meiner Tochter ans Bett und erkläre ihr meine Wut. Erkläre ihr, was ich von ihr möchte und welche Regeln es dafür in Zukunft gibt. Und beim nächsten Mal, wenn sie um 22:00 Uhr ankommt um Mathe zu lernen, werde ich ihr freundlich und bestimmt sagen, dass ich jetzt leider nicht mehr mit ihr lernen kann, weil ich jetzt müde bin. Und sonst nichts.

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