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Frühe Pubertät ist keine Krankheit

Warum Kinder früher erwachsen werden
Kinder, die besonders früh in die Pubertät kommen, haben im Alltag oft Probleme. © picture-alliance/ dpa/dpaweb, Lehtikuva Marja Airio

Warum Kinder immer früher erwachsen werden

Mit der Pubertät beginnt eine turbulente Zeit: Aus Mädchen werden Frauen, aus Jungen Männer. Diese Reifungsprozesse beginnen normalerweise in Deutschland bei Mädchen kurz vor dem elften und bei Jungen kurz vor dem zwölften Lebensjahr. Doch bei einigen Heranwachsenden setzt der geschlechtliche Reifungsprozess schon deutlich früher ein. Mädchen, die mit acht Jahren ihre erste Periode bekommen, sind keine Seltenheit mehr.

Dabei spielen nicht nur die Gene eine Rolle, sondern auch bestimme Faktoren begünstigen das frühe Eintreten der Pubertät. Stark übergewichtige Mädchen bekommen ihre Regel oft früher als normalgewichtige Gleichaltrige. Mediziner sprechen in diesem Falle von einer "frühen normalen Pubertät", die nicht behandelt werden muss. Sollte die Geschlechtsreife jedoch deutlich vor dem achten Lebensjahr bei Mädchen und vor dem neunten bei Jungen einsetzen, handelt es sich um eine vorzeitige Pubertät. In diesem Fall sollten Eltern sich medizinisch beraten lassen.

Hormonbehandlungen wenn möglich vermeiden

Oft stecken körperliche Krankheiten dahinter, die den "Startschuss" für die hormonellen Prozesse auslösen und das "Kind" viel zu früh in die Geschlechtsreife schicken. Unter dem Aspekt, dass die Kinder mit den frühen körperlichen Veränderungen überfordert sein können, nimmt man in diesen seltenen Fällen eine Hormonbehandlung in Kauf. Voreilig sollte sich aber niemand zur Behandlung mit Hormonen entschließen, denn diese greifen den Hormonhaushalt massiv an.

Mittlerweile drängen häufig Eltern auf eine Therapie, deren Kinder gefühlt zu früh in die Pubertät kommen. "Die erste Brustknospung mit acht bis neun Jahren, in der dritten bis vierten Klasse, das darf sein", erklärt Esther M. Nitsche, Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin in einem Interview. Dennoch bringt eine früh-normale Pubertät weit mehr Probleme mit sich: "Es ist immer schwer, gerade bei den Mädchen, die Erste zu sein, zumal man die Veränderungen auch sieht", sagt Nitsche. Leider steigt auch die Missbrauchsgefahr erheblich und die hormonell bedingten Stimmungsschwankungen der Frühstarter werden in ihrem Umfeld oft als verhaltensauffällig wahrgenommen.

Mit diesem Problem hat sich auch die Entwicklungspsychologin Karina Weichold von der Universität Jena beschäftigt. Und sie bestätigt, dass Frühreife eine Reihe psychosozialer Konsequenzen nach sich ziehen kann. "Wenn etwa kleine Mädchen pubertätsbedingt anders als die Freundinnen schon früh mit Fettpölsterchen zu kämpfen haben, fördert dies emotionale Problematiken wie mangelndes Selbstvertrauen, Depressionen oder Angststörungen", erläutert die Wissenschaftlerin. Außerdem sind frühe sexuelle Kontakte und der Missbrauch von Drogen und Alkohol ein häufiges Problem der jungen Heranwachsenden. Bei Mädchen kommen frühe Schwangerschaften und ein geringes Bildungsniveau hinzu.

Ebenfalls gilt es als erwiesen, dass frühreife Kinder häufiger Kontakt zu älteren Menschen haben und so deren Verhaltensweisen viel zu früh annehmen. Deshalb empfiehlt Karina Weichold Eltern, einen guten Kontakt zu ihren Kindern zu pflegen und diese umfassend und frühzeitig aufzuklären. "Wenn von Anfang an eine gute Gesprächskultur entwickelt wird und die Kinder freiwillig von sich erzählen, was sie in der Schule und in der Freizeit erleben, dann ist das ein sehr wichtiger Schutzfaktor gegen viele verschiedene Problemverhaltensweisen."

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