Freispruch nach Vergewaltigung: Mann will Vergewaltigung nicht bemerkt haben

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Richterin spricht Mann nach Vergewaltigung freii: Er habe die Tat nicht bemerkt. © picture-alliance/ dpa, Wolfram Steinberg

Das Opfer wehrte sich erst nach der Vergewaltigung

Dieses Urteil macht nachdenklich: In Essen wurde in dieser Woche ein junger Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Ex-Freundin freigesprochen. Zwar ging die Richterin davon aus, dass die Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden habe, doch er habe das nicht bemerken können.

Von Christiane Mitatselis

Es geschieht im November 2011. Der 25 Jahre Mann aus Essen trifft seine sechs Jahre jüngere Ex. Er ist ein abgebrochener Student, sie lebt bei ihren Eltern, nach der mittleren Reife ist ihr bisher kein Weg ins Berufsleben gelungen.

Die beiden haben sich ein paar Monate zuvor getrennt, sehen sich aber noch ab und zu. Nach einem Besuch des Essener Weihnachtsmarktes übernachtet die Frau bei ihm in Altessen. Es kommt am Abend zum Sex. Am nächsten Morgen fesselt der Mann die Frau ans Bett, schlägt sie mit einem Bambusstock und hat Sex mit ihr. Sie protestiert nicht, als er sie losbindet, nimmt sie aber den Stock und schlägt auf ihn ein. Später zeigt sie ihn wegen Vergewaltigung an.

Gewaltsex oder Vergewaltigung?

Der Angeklagte führt im Prozess an, er sei vom Einverständnis der Frau ausgegangen. Gewaltsex sei mal ein Thema zwischen ihnen gewesen. Im Nachhinein schließe er aber nicht aus, dass die Frau nicht gewollt habe. Die Frau, die auch aus anderen Gründen psychologische Hilfe braucht, erklärt, sie habe sich nicht gewehrt, weder geschrien noch geweint: "Das verbietet mir mein Stolz."

Das Essener Amtsgericht stellt in seinem Urteil vom 25. Juli fest, dass die Frau die sexuellen Kontakte tatsächlich nicht gewollt habe. "Aber das spielte sich nur in ihrem Inneren ab", hieß es in der Urteilsbegründung. Deshalb habe der Mann davon ausgehen können, dass sie wenige Monate nach der Trennung nichts gegen seine Annäherungsversuche gehabt habe.

Und so wird er freigesprochen. Von der Richterin Gabriele Jürgensen bekommt er aber ein paar ermahnende Worte auf den Weg: "Über die moralische Seite brauchen wir hier nicht zu reden. Es ist eine fiese Art, mit einer solch labilen Frau überhaupt wieder ins Bett zu gehen."

Ein schwieriger, ambivalenter Fall. Natürlich, die Frau hat sich nicht gewehrt. Doch vielleicht hatte sie einfach nur Angst, befand sich in einer Art Schockstarre. In der Rechtsprechung steht der Wille des Opfers im Mittelpunkt, Abwehrhandlungen sind nicht zwingend erforderlich, damit der Straftatbestand der Vergewaltigung vorliegt. Doch sie manifestierte ihren Willen überhaupt nicht. Und das war ihr Fehler.

Dass der Mann nicht bemerkte, dass sie nicht einverstanden war, spricht nicht für ihn, denn leise Signale wird sie sicher gesendet haben. Es deutet darauf hin, dass er nur an sich selbst und seine Gelüste dachte. Allerdings ist mangelnde Empathie keine Straftat.

Die beiden kannten sich, sie war, aus welchem Grund auch immer, mit zu ihm nach Hause gegangen - und protestierte erst, als es schon geschehen war. Dem Gericht blieb wohl keine andere Fall, als ihn freizusprechen.

Das Argument "Sie hat sich nicht gewehrt" ist allerdings keines, das automatisch zum Freispruch führt. Wenn ein Opfer erst bedroht, womöglich geschlagen, auf irgendeine gewaltsame Art gefügig gemacht wird, und sich dann aus Angst nicht wehrt - wird der Täter in Deutschland bestraft. Und zwar auch, wenn er nicht bemerkt haben will, dass es keine Vergewaltigung war. Mit der Begründung "Sie wollte es doch auch" kommt dann keiner durch.

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