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Freier Tag? Von wegen! Die Botschaft eines 'Teilzeit-Papas'

Sebastian Priggemeier, Priggemeier, Teambilder Frauenzimmer
Sebastian Priggemeier © Stefan Neumann Fotografie

Der verrückte Alltag mit Baby

Es ist jede Woche das gleiche. Montagnachmittag. Feierabend. Ich verabschiede mich von den Kollegen und dann kommt er unter Garantie. Dieser eine Satz, der mich jedes Mal innerlich zusammenzucken lässt: "Einen schönen freien Tag wünsche ich diiir!" STOP. Total lieb gemeint, echt. Aber das passt einfach nicht. Freier Tag - das klingt nach Ausschlafen, Frühstück im Bett, Zeitung lesen. Aber der Dienstag gehört meinem Baby. Das hat andere Pläne. Und Stimmungsschwankungen wie Mariah Carey.

Von Sebastian Priggemeier

Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass ich meine Vollzeitstelle in eine 80-Prozent-Stelle habe umwandeln lassen. Ehrensache. So kann ich mich wenigstens ein Mal pro Woche zu 100 Prozent um die kleine Lene (18 Monate) kümmern. Meine Frau geht in der Zeit arbeiten. Ich bin sozusagen ein Dienstags-Papa.

Für die lieben Kollegen ist klar: Am Dienstag ist Teilzeit-Papa Sebastian nicht im Büro – da hat er seinen 'freien Tag'. Kein rappelnder Wecker, entspannt im Familienbett kuscheln, bis das Vogelgezwitscher draußen zu laut und irgendwie nervig wird, dann eine Runde dutzi, dutzi, duuuu mit dem fröhlich glucksenden Baby, ein herrlich schaumiger Latte Macchiato auf dem Spielplatz und irgendwann am Abend fallen uns vor lauter Harmonie einfach die Augen zu. JAAA, so stellt ihr euch das vor, oder?! Ist auch kein Wunder, denn im Dienstplan steht meine Name dienstags in der Spalte 'Urlaub'. Dabei erledige ich an dem Tag den härtesten Job der Welt.

Dienstbeginn ist gegen 6.30 Uhr, Dienstende gegen 20.30 Uhr - das bedeutet 14 Stunden Muttitasking. Ja, richtig gelesen: Muttitasking. Das ist eine Hardcore-Version des erwiesenermaßen (vor allem für Männer) gesundheitsschädlichen Multitaskings. Respekt an alle, die das jeden Tag schaffen!

Phasen eines Daddy-Dienstags

Babys brauchen Rituale, heißt es immer. In Wirklichkeit brauche ich die Rituale, um dem Tag zumindest halbwegs Struktur zu verpassen. Phase 1: Füttern, anziehen, bespaßen. Phase 2: Weitere Schicht Klamotten für den Besorgungs-Spaziergang anlegen, Buggy beladen. Mein Körper schreit nach Kaffee und Kalorien, das Kind nach einem Schnuller. Schnullerkette?! Check! Phase 3: Gegen 10 Uhr stehe ich mit Baby und Buggy in der Drogerie und hake die Einkaufs- und To-do-Liste meiner Frau ab - Windeln, diverse Reinigungstücher, Sonstiges. Phase 4: Kind schnarcht, ich schiebe den Wagen durch die Straßen von Köln, bis wieder Gegenstände aus dem Buggy fliegen. Ab nach Hause!

Muttitasking-Level 5 (längst nicht der Endgegner) sieht so aus: Mit einer Hand zwei Einkaufstüten greifen, mit dem anderen Arm 13-Kilogramm zappelndes Baby umklammern, alles in den dritten Stock wuchten, schon mal nach den Schlüssel fingern, keuchend die Wohnungstür aufschließen. Zum Dank ahmt das Kind Papas Stöhnen nach. Ui, schon fast 12 Uhr.

Mittagspause in der Kantine? Schön wär’s. Zu Hause bin ich der Küchenchef. Und mein einziger Gast ist strenger als Rach der Restauranttester und Joachim Llambi zusammen. Lene spuckt das Menü bei Nichtgefallen zurück auf den Teller. In ganz kleinen Bröckchen. Dabei schaut die Kleine mir direkt in die Augen.

Ok, ok! Es gibt natürlich auch schöne Momente am Daddy-Dienstag. So richtige Glücksmomente, die nur Eltern kennen. Zum Beispiel wenn das Kind schläft... Kleiner Scherz, sorry. Wobei da schon etwas dran ist, denn Ruhe ist die Währung, in der Eltern entlohnt werden. Eine verdammt knappe Währung. Seit ich die Dauerbeschallung im Kinderzimmer kenne, kommt mir das Großraumbüro wie ein Ort der Stille und Besinnung vor.

Phase 6 bis 12 des Daddy-Dienstplans (und den Endgegner: Zähneputzen!) erspare ich euch, liebe Kollegen. Abends, wenn ich total platt auf dem Sofa liege und mit meiner Frau über den ganzen Wahnsinn und ihren Ausflug in die Erwachsenenwelt spreche, denke ich manchmal: Eigentlich müsste ich an jedem normalen Arbeitstag in der Spalte 'Urlaub' stehen. Langweilig ist er jedenfalls nie, mein 'freier Tag'.

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