Freie Hebammen bangen um ihre Existenz

Freie Hebammen bangen um ihre Existenz
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Geburtshilfe in Gefahr

Finden Geburten demnächst ohne Hebammen statt? Dieses Szenario könnte schon bald Wirklichkeit werden. Niemand möchte die Geburtshelferinnen nämlich mehr versichern, und das bedeutet praktisch das Aus für selbstständige Hebammen – mit Folgen für alle werdenden Mütter.

Von Merle Wuttke

Seit Jahren schon versuchen sie die Öffentlichkeit und vor allem die Politik auf das drängende Problem aufmerksam zu machen – demonstrieren, reichen Petitionen ein. Doch trotz aller Bemühungen scheint der Kampf umsonst gewesen zu sein – der Beruf der freiberuflichen Hebamme steht in Deutschland praktisch vor dem Aus. Der Grund: Niemand will die Geburtshelferinnen mehr versichern. Zu hohes Risiko, zu teuer, zu wenig rentabel. Hebammen, die selbstständig arbeiten und Frauen während der Schwangerschaft, bei der Haus- oder Beleggeburt und später im Wochenbett betreuen, brauchen nämlich eine Haftpflichtversicherung, um gegen eventuelle Regress-Forderungen, etwa, wenn es zu einem Geburtsfehler kommt, abgesichert zu sein. Doch genau das wollen die Versicherungen nicht länger finanzieren.

Deshalb hoben sie erst innerhalb der letzten zehn Jahre die jährlichen Versicherungssätze für freiberufliche Hebammen um das Zehnfache an, von ca. 453 Euro auf über 4.000 Euro. Jetzt verabschiedet sich zum 1. Juli nächsten Jahres eine weitere Versicherung aus der Haftpflichtregelung und damit aus einem der beiden letzten verbliebenen Versicherungskonsortien – was bedeutet, dass ab dann die freien Geburtshelferinnen faktisch nicht mehr arbeiten können. Denn ohne Versicherung keine Geburt.

Ruth Pinno, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V. (BfHD): „Das bedeutet Berufsverbot für die freiberuflichen Hebammen, denn ohne Haftpflichtversicherung dürfen wir weder Geburten zu Hause, im Geburtshaus oder als 1:1-Beleghebamme in der Klinik betreuen, noch Schwangeren- und Wochenbettbetreuungen annehmen. Der Markt für die Versicherung von Hebammen reguliert sich nicht mehr selbst. Die Folgen sind dramatisch, der Beruf ist akut von der Vernichtung bedroht.“

Bereits jetzt macht sich der Mangel an Hebammen bemerkbar

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Jetzt könnte man sich natürlich fragen: „Hey, worüber regen die sich so auf? Gehen Schwangere eben in die Klinik“ – tja, so einfach ist das leider nicht. Erstens ist es schon heute so, dass viele werdende Mütter in ländlichen Gebieten nicht an ihrem Wohnort ihr Kind zur Welt bringen können, weil dort keine selbstständige Hebamme mehr eine Praxis unterhält und sie somit in entfernt gelegenen Krankenhäusern entbinden müssen. Zudem müssen diese Schwangeren schon allein für die Vorsorgeuntersuchungen weite Wege in Kauf nehmen, um zum Arzt zu fahren, statt zur Hebamme um die Ecke gehen zu können.

Und auch in den eigentlich noch gut versorgten Großstädten macht sich der Hebammenmangel bereits bemerkbar: Wer mit der Hebamme seiner Wahl in einer Klinik entbinden möchte oder wer eine Betreuung in der Schwangerschaft, beziehungsweise eine Nachsorgehebamme sucht, muss sich praktisch sofort nach dem positiven Schwangerschaftstest bei der Handvoll Geburtshelferinnen, die es noch gibt, anmelden und hoffen, dass es mit der Betreuung klappt.

Zweitens ist das Problem mit der Haftpflichtregelung ein weiteres Zeichen dafür, wie wenig Anerkennung und Wertschätzung Hebammen heute in unserer Gesellschaft bekommen.

Dabei machen sie einen der wichtigsten Jobs der Welt und tragen eine Riesenverantwortung: Sie bringen Kinder zur Welt. Sie unterstützen, sie stärken, sie trösten und helfen Frauen in dem wahrscheinlich wichtigsten Moment ihres Lebens. Und das sollte angemessen gewürdigt und unterstützt werden. Stattdessen verlagert sich die Geburtshilfe immer weiter in die Arztpraxen und Krankenhäuser, Kinderkriegen wird zum medizinischen statt zum natürlichen Akt, als ob eine Geburt eine Krankheit sei.

So verwundert es auch nicht, dass die Kaiserschnittquote seit Jahren steigt, obwohl die meisten Operationen gar nicht notwendig wären. Ein Grund dafür ist auch, dass viele Mediziner sich heute nicht mehr trauen, eine schwierige Geburt durchzuführen und schon bei kleineren Unsicherheiten zum Schnitt raten. Doch genau über dieses Wissen für solche Situationen verfügen die Hebammen, die „weisen Frauen“, die im Übrigen läppische 8,50 Euro die Stunde verdienen und oft einem Zweitjob nachgehen müssen, um ihr Auskommen zu sichern. Wir sollten uns dieses Wissen nicht einfach nehmen lassen. Erst recht nicht von irgendwelchen dämlichen Versicherungen.

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