Frauenquote soll kommen: Was wird sich ändern?

Frauenquote soll kommen: Was wird sich ändern?
© dpa, Tim Brakemeier

Frauenquote: Rein in die Verantwortung!

Das freut uns Frauenzimmer natürlich: Die Quote soll kommen. Ab 2016 sollen 30 Prozent der Chefsessel zu Chefinnensessel werden. Außerdem müssen große Unternehmen ab 2015 eigene verbindliche Ziele für die Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsrat, Vorstand und den obersten Management-Ebenen definieren und veröffentlichen. So wollen es zumindest die Koalitions-Unterhändler der Arbeitsgruppe "Familie". Auch wenn es uns ehrlich gesagt ein Rätsel bleibt, weshalb eine Frage, die ja die höchsten Führungsgremien der Wirtschaft betrifft, in der Abteilung "Familie" verhandelt wurde und nicht in einer anderen Task Force ("Wirtschaft" zum Beispiel. Oder "Zukunft des Landes", oder meinetwegen auch "Arbeit" oder so). Egal. Die ein oder andere wird dieses politische Signal motivieren, jetzt für die Karriere durchzustarten – mit dem Wissen, dass ab jetzt erst ganz oben Schluss ist. Und nicht schon in der zweiten Reihe von oben.

Von Ursula Willimsky

Aber was wird sich denn ab 2016 nun konkret ändern? Und: Wird sich überhaupt konkret etwas ändern? Für die Frauen natürlich schon. Einigen von ihnen öffnen sich neue Chancen und Herausforderungen: Raus aus der oft süffisant zitierten "Komfortzone", rein in die ganz große Verantwortung. Und mehr Kohle gibt´s dann natürlich auch für die Glücklichen.

Aber sonst? Ein börsennotiertes Unternehmen bleibt ein börsennotiertes Unternehmen. Und wird – so mutmaßen wir – nach wie vor an Profitmaximierung interessiert sein. Egal, ob die Entscheidenden nun Anzug oder Kostüm tragen. Es wird – auch das mutmaßen wir – nach wie vor phantastische Menschen mit großen Visionen geben – und nach wie vor auch Nieten, bei denen man sich fragt, wie die es überhaupt so weit nach oben geschafft haben. Egal, ob sich die jetzt morgens das Kinn oder die Beine rasieren.

Aus Studien weiß man, dass Unternehmen mit hohem Frauenanteil in der Führungsetage nicht ganz so fette Gewinne einfahren wie männlich dominierte Unternehmen. Und bevor jetzt alle Quotengegner "Siehstewohl!" schreien: Aus diesen Studien weiß man aber auch, dass besagte "weiblichen" Unternehmen sehr viel nachhaltiger und dauerhafter wirtschaften. Weniger Risiko, weniger Gewinn, dafür mehr Sicherheit und Beständigkeit. Siehstewohl!

Es wird aber auch "einen Kulturwandel im Inneren der Unternehmen" geben. Findet zumindest Annette Widmann-Mauz von der CDU. Und die Frau muss es wissen, hat sie doch zusammen mit Konkurrentin Manuela Schweswig von der SPD ganz maßgeblich diese Regelung ausgehandelt. Schweswig findet die Quote natürlich auch super, weil „sie für mehr Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt“ sorgen wird.

Das ungenutzte Potenzial der Frauen

Man muss sich das ja einfach mal vor Augen halten: Seit Jahren legen junge Frauen im Schnitt bessere Schulabschlüsse hin als junge Männer. Aber irgendwo auf dem Weg nach oben versickert dieses große Potenzial dann. Obwohl sie mindestens so qualifiziert sind wie die Männer, als fleißig, zuverlässig und sozial kompetent gelten, schaffen sie oft den letzten entscheidenden Sprung nicht.

Unter anderem, weil die Beförderungskultur in deutschen Unternehmen eben sehr männlich geprägt ist, wie viele Experten beobachtet haben. Feierabendbier mit dem Chef? Kaum eine Frau wird das machen, allein schon wegen des Geredes nicht. Wären jetzt aber auch viele Chefinnen im Unternehmen, hätten auch aufstiegswillige Frauen (ja: die gibt es. Auch wenn ihre Karriere-Durchbox-Methoden vermutlich anders aussehen als die der Männer!) eine adäquate Ansprechpartnerin (und ja: Vielleicht auch ein Rollenmodell). Und dann können sie loslegen. Und zwar jetzt. Und nicht irgendwann.

Der EU-Kommissar Michel Barnier hat ausgerechnet, dass es ohne gesetzliche Hilfestellung – sprich Quote – etwa 50 Jahre dauern wird, bis sich der Handtaschenanteil an der Garderobe der Chefetage merklich erhöht. Das kann sich doch keine Wirtschaft leisten, so viel Potenzial so lange einfach ungenutzt zu lassen! Finden wir.

Ob sich die Bilanzen dann auch ändern werden, weiß natürlich niemand. Vielleicht sind durch die Quote ja auch einfach nur die Frauen zufriedener. Erst haben sie so lange gequengelt, bis sie das Wahlrecht bekommen haben, und jetzt eben auch noch die Entscheider-Macht. Gut so.

In einem anderen Sektor der Wirtschaft, weit weg vom CEO-Dasein, sind Frauen übrigens ohnehin schon recht deutlich vertreten: Im Bereich der Niedriglöhne. Da ist nach derzeitigem Stand noch nix beschlossen, es scheint aber so zu sein, dass Merkel sich und ihre Parteikollegen sanft auf mögliche 8,50 die Stunde eingroovt. Das sei hier nur mal so am Rande erwähnt. Als kleiner Reminder sozusagen, dass die oben zitierte "Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt" ja nicht nur die Frage betrifft, wer in Zukunft den dicksten Dienstwagen fährt. Sondern zum Beispiel auch, wer in Zukunft von seiner Arbeit leben kann.

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