Frauenquote abgelehnt: Alles eine Frage der Macht

Sexismus-Debatte geht weiter
Frauenquote wurde abgelehnt © dpa, Wolfgang Kumm

Sexismus und Frauenquote? Alles eine Frage der Macht

„Wir stoßen immer wieder auf die Machtfrage“. Im Grunde genommen hat Alice Schwarzer in diesem einen Satz eigentlich alles gesagt, was es zu den Themen „Sexismus“ und „Frauenquote“ zu sagen gibt. Die Mutter aller selbstbestimmten Frauen war zu Gast bei „Maischberger“. Thema der Sendung: „Die Sexismus-Debatte – was hat sie gebracht?“. Eine spannende Frage – bei der es, so finden wir, nicht nur um Dirndl-Diskussionen geht, sondern auch um die heißumkämpfte Frauenquote in Führungsgremien, die nun durch eine Abstimmung im Bundestag vorerst auf Eis gelegte wurde.

Von Ursula Willimsky

Mit ihr auf dem Sofa saßen auch Anna-Katharina Meßmer, die „Aufschrei-Aktivistin“, Klara Martens von „Femen“ und Birgit Schrowange. Sie riet Frauen vehement, „ sich sofort zu wehren“, wenn sie Opfer von Sexismus werden. So wie sie vor 30 Jahren, wie sie erzählte.

In ihren Anfangsjahren, in denen sie sich selbst als „naiv“ bezeichnet, sei sie Opfer von „Avancen“ ihres Vorgesetzten geworden: Hier ein väterliches Tätscheln, da eine Besprechung, bei der sie plötzlich mit dem Mann allein war. Als sie auf die eindeutigen Angebote nicht eingegangen sei, habe der Vorgesetzte sie gemobbt, ihr Aufträge entzogen und sie beinahe soweit gebracht, dass sie „die Brocken hinschmeißen wollte“. Schrowange war damals in einer fatalen Situation: Das Thema war tabu, sie wusste kaum, mit wem sie sprechen sollte. Ein Vorgesetzter tat ihre Sorgen mit einem „Mädel, stell Dich doch nicht so an, geh halt mal mit ihm Essen“ ab, so erzählt sie heute. Erst ganz oben in der Hierarchie des Senders fand sie Gehör. Die Belästigungen hörten mit einem Schlag auf.

Damals saßen ganz oben – und auch auf den Chefsesseln ein paar Etagen tiefer – eigentlich nur Männer. Ein Miteinander „auf Augenhöhe“ war also kaum möglich. Sexismus dafür umso mehr. Wo immer ein Abhängigkeitsverhältnis oder ein Machtgefälle besteht, wird es, so Schwarzer in der Talk-Show, „schwierig. Es geht ja nicht darum, jeden Flirt als sexistisch zu bezeichnen… schwierig wird es, wenn es ein Machtspiel ist. Es ist sexistisch, wenn ein Mann stärker ist.“

Die Frauenquote hätte die Strukturen durchlässiger machen können

Das kann sich auf die körperlichen Kräfte beziehen – aber eben auch auf die berufliche Position des Mannes. Eine Frauenquote könnte daran etwas ändern, wenn es ihr denn gelingt, „das geschlossene System altherrenhafter Breitbeinigkeit aufzubrechen“, wie es die „Zeit“ so schön formuliert hat. Derzeit sitzen in deutschen Aufsichtsräten 12 Prozent Frauen, in den Vorständen weniger als fünf Prozent. Und natürlich haben „99 Prozent der Frauen in Deutschland andere Sorgen als die Frage, ob sie einen Aufsichtsratsposten bekommen“, so Schwarzer.

So manche wäre wohl schon froh, wenn sie für dieselbe Arbeit dasselbe Gehalt bekäme. Aber eine Quote könnte die Strukturen durchlässiger machen, zu einem anderen Miteinander führen. Ach ja – und Frauen ganz neue Karriereperspektiven eröffnen könnte sie auch. Wenn sie denn jemals kommt.

Zur Abstimmung im Bundestag stand der Vorschlag einer stufenweisen Einführung der 40-Prozent-Quote bis zum Jahr 2023 (in börsennotierten Unternehmen). Quasi in letzter Sekunde brachten die „Grünen“ einen anderen Vorschlag ein: 30 Prozent bis 2020. Ein Ziel, das sehr der CDU-Lösung ähnelt: Die will auch eine 30-Prozent-Quote ab 2020 – allerdings nicht jetzt, sondern erst mal im Wahlprogramm.

Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt sagte der dpa: „Die Union soll nicht immer nur dagegen sein, sie soll auch mal für die Frauenquote sein können, und wenn es nur ein kleines bisschen ist.“ Nun, es kam anders. In einer „namentlichen Abstimmung“, wie sie bei bedeutsamen oder umstrittenen Entscheidungen üblich ist, sprachen sich 320 Abgeordnete gegen eine feste Frauen-Quote in Führungsgremien aus. Auch das moderatere Papier der Grünen fand bei den Frauen und Männern von Union und FDP keine Gegenliebe . Der Entscheidung ging ein heftiger verbaler Schlagabtausch voraus.

Niemand weiß, was passiert wäre, wenn die Quote jetzt schon rechtsverbindlich geworden wäre. Ob sie tatsächlich dazu beigetragen hätte, dass Männer und Frauen sich öfter auf Augenhöhe begegnen und ganz schlicht gesagt gleichberechtigt sind. Ob damit der Sexismus – sei es in seiner anzüglichen, sei es in seiner gehaltsbestimmenden Version – wirklich wieder einen Schritt weiter eingedämmt worden wäre.

Selbst viele Frauen lehnten die Quote ab – weil sie nicht aufgrund eines Zahlenschlüssels ihren Job bekommen wollen, sondern aufgrund ihrer Qualifikation. Eine Argumentation, die in sich sehr schlüssig und nachvollziehbar ist. Vielleicht sollte auch so manche Herrenriege mal über diese Art der Karriere nachdenken.

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