Frauen streiten öfter, länger und mehr als Männer!

Zahlen beweisen: Frauen streiten öfter als Männer!

Ja, was jetzt? Jahrelang mussten wir Frauen uns anhören, dass wir harmoniesüchtig und konfliktscheu sind. Dass wir um des lieben Friedens willen zu fast allem Ja und Amen und sagen – und in Fällen, in denen das nun wirklich nicht geht, lieber lämmleinhaft schweigen als widersprechen. Und jetzt – jetzt heißt es plötzlich: Frauen streiten länger, häufiger und überhaupt als Männer.

Männer und Frauen streiten sich nicht selten
Immer nur Zoff. Darum streiten Frauen mehr © picture alliance, CHROMORANGE / Bilderbox

Von: Ursula Willimsky

Kurz die Zahlen: Frauen streiten pro Jahr 1082 Minuten, Männer nur 419 Minuten. Also 18 zu 7 Stunden. Ist unser Geschlecht endlich von der desease to please, wie Oprah Winfrey sie diagnostizierte, genesen? Ist jetzt tatsächlich das goldene Zeitalter angebrochen, in dem wir Frauen selbstbewusst sagen, was wir wollen und nicht – selbst auf die Gefahr hin, dass wir nicht von allen gemocht werden? Das hätte ja einige Vorteile. Zum Beispiel kein schlechtes Gewissen mehr, wenn man lieber daheim bleibt, statt mit ihm im Kino diesen doofen 72-Tote-in-3-Minuten-Film anzuschauen.

In der Folge blieben die Menschheit und einzelne Paare auch von Streitereien verschont, in deren Verlauf dreieinhalb Jahre nach besagtem Kinobesuch überraschende Argumentationsketten auftauchen wie: „War ja klar, dass Du nicht mit mir und meiner Freundin zum Essen gehst! Wenn ich Dich einmal um einen Gefallen bitte, ist das natürlich zu viel! Aber ich, ich musste mit in diesen dummen Krawumm-Film“. Er: „Aber du hast doch damals gesagt, dass du den auch sehen willst!“ „Lenk jetzt nicht ab, es geht nicht darum, wer mit wem ins Kino geht – sondern darum, wer bei uns in der Beziehung immer bereit ist, für den anderen einfach mal was aus Liebe zu tun. Und wer nicht!“ Es folgen Bemerkungen über Schmutzwäsche. Zugemüllte Handschuhfächer. Allgemeine Herzlosigkeit. Bügelintervalle. Türkrachen. Tränen. Könnte man sich alles mit einem klaren Wort zur rechten Zeit ersparen.

Streit ist was Tolles – man klärt Standpunkte und am Ende kommt bestenfalls ein Kompromiss heraus, mit dem beide Seiten leben können. Das erfrischt, reinigt und hält Beziehungen auf dem neuesten Stand. Wenn Frauen beherzt und zeitnah die Auseinandersetzung suchen und nicht immer warten, bis all das Angestaute auf einen Schwupps wie eine riesige Lavawelle aus ihnen herausbricht, könnte es ihnen vielleicht sogar gelingen, im Fall der Fälle nicht ganz so emotional zu werden.

Ein Verhalten, das auch im Beruf seine Vorteile haben soll. Von wegen Durchsetzen eigener Interessen und nicht immer die Arbeit der anderen mitmachen müssen und so. Wobei auch hier die Damen anscheinend leichter aneinandergeraten - pflegen sie doch einen engeren Umgang miteinander als Kollegen, die´s im Büro gern ein bisschen distanzierter mögen. Und Nähe erzeugt nun mal Reibung… auch das ist ein Punkt, der dafür spricht, dass die Ergebnisse der Studie des Forschungsinstituts TNS Infratest stimmen könnten.

Alles eine Frage der Definition

In Auftrag gegeben wurde die Befragung von der Advocard-Rechtsschutzversicherung. Eine Institution übrigens, die vor wenigen Jahren schon einmal die Streitkultur in Deutschland untersuchen ließ. Das Ergebnis damals: Zwei von drei Streitereien gehen auf das Konto der Männer. Jetzt könnte man streiten, welche Aussage denn nun stimmt. Vermutlich, wie so oft, beide.

Zum einen, so sieht es übrigens auch die auftraggebende Rechtsschutzversicherung, ist alles eine Frage der Definition des Untersuchungsgegenstands. Sprich: Was ist denn ein Streit überhaupt? Männer werten, so die aktuelle Lesart der Versicherung, eine kontrovers geführte Diskussion noch nicht als Streitigkeit. Für Frauen fühlt sich derselbe Disput schon wie ein unangenehmer Streit an.

Ah! Da ist sie wieder, unsere alte Begleiterin, die Sehnsucht nach Harmonie! Was die pastellfarbene Wohlfühlwolke stört, macht schlechte Gefühle. Wer beherzt seine Meinung sagt und dann auch noch versucht, sie durchzusetzen, plagt sich danach gerne mit dem Gefühl, mal wieder einen Streit provoziert zu haben. Oder freut sich, dass er Recht behalten hat. Je nach Vorliebe und Geschlecht.

Aber vielleicht liegt's auch an der Selbsteinschätzung der Befragten selbst. In einer anderen Studie zum Thema Konflikte wurden die Frauen als sehr emotional geschildert. Mehr als die Hälfte der Männer dagegen beschrieb sich selbst als souveränen Konfliktpartner, der bei einem Streit ruhig bleibt und die strittigen Fragen sachlich ausdiskutiert.

Ja. Dazu sagen wir jetzt einfach nichts mehr. Sonst fangen wir noch einen Streit an…

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