ERZIEHUNG ERZIEHUNG

Fragwürdige Erziehungsmethode: Darf man Kinder zum Schlafen einsperren?

Junge wird vor dem Schlafen im Zimmer eingesperrt.
In den USA sperren gestresste Eltern ihre Kinder nachts ins Zimmer, um selber ruhig zu schlafen. © Getty Images/iStockphoto, djedzura

Die Ängste der Kinder werden ignoriert

In den USA greifen gestresste Eltern neuerdings zu rabiaten Mitteln: Sie sperren ihre Kinder nachts ein, damit sie selber schlafen können. Ist das schon Kindesmisshandlung oder doch ein wirksames Erziehungsmittel?

Von Jutta Rogge-Strang

Ärztin rät Mutter, ihr Kind nachts einzuschließen

Die US-Autorin Lisa Selin Davis konnte viele Jahre lang keine einzige Nacht durchschlafen: Ihre älteste Tochter war mit keinem Hilfsmittel in der Lage, nachts durchzuschlafen. In der 'New York Times' hat Lisa die dramatische Geschichte erzählt: Oft wird sie jede Stunde von der Tochter geweckt. Obwohl ihr Ärzte jahrelang dazu rieten, die Tochter nachts einzuschließen, weigerte sich Lisa Selin Davies. Bis sie irgendwann nicht mehr konnte. Laut Aussage der Ärztin sollte das Geschrei des eingesperrten Kindes nach zwei Stunden aufhören. Das klappte nicht, ihre fast sieben Jahre alte Tochter schrie die ganze Nacht. "Es tut mir leid“, stand auf dem Zettel, den die Kleine unter der Tür durchschob.

Die Ärztin war überrascht: "Versuchen Sie es noch zwei weitere Nächte, nehmen Sie eine Schlaftablette und Ohrstöpsel.“ Mutter und Tochter sind gleichermaßen in Tränen aufgelöst, an Schlaf ist nicht zu denken. Die Ärztin ist ratlos, Lisa Selin Davis gibt auf: Offenbar ist ihre Tochter eben anders als andere. Sie bekommt eine Yoga-Matte ins Elternschlafzimmer, damit sie sich dort nachts leise hinlegen kann. "Und wecke mich nicht“, sagt die Mutter. Denn mit einer Sache ist sie sich sicher: Sie will ihre Tochter nie wieder einsperren.

Sie schreien und weinen so lange, bis sie einschlafen

Diese bedrückende Geschichte löste in den USA allerdings genau das Gegenteil von dem aus, was Lisa Selin Davis bezweckt hatte: Eine Journalistin sprach von "schlaffer Erziehung“ als Sprachrrohr eines neuen harten Erziehungstils in Richtung Schlafzimmer. Die Kinder sollen so lange schreien und weinen, bis sie vor Erschöpfung einschlafen. Einige finden, ein Kind sollte lernen, mit Demütigungen umzugehen.

Kein Wunder, dass die Eltern in den USA um jeden Preis um ihren Schlaf kämpfen: Viele haben tagsüber zwei Jobs, um ihre Familien durchzubringen. Sie sehen ihre Kinder wenig, verlassen früh das Haus und kommen spät abends wieder, da bleibt keine Zeit für Experimente. Aber eigentlich ist das Einschließen der Kinder schon Missbrauch.

In Deutschland wurde im Jahr 2000 per Gesetz allen Kindern das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung zugesichert. Laut § 1631, Abs.2 BGB sind körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig. Denn körperliche Strafen machen einem Kind genauso viel Angst wie das Einsperren in sein Zimmer. Eine Strafe sollte jedoch immer einen Bezug zum Fehlverhalten des Kindes haben. Wenn das Kind aber nicht einschlafen kann, tut es das nicht aus böser Absicht.

Kinder müssen sich mit vielen Ängsten auseinandersetzen: Im ersten Lebensjahr lernt ein Baby, fremde und vertraute Personen zu unterscheiden. Jetzt weint es plötzlich, wenn die Mutter das Zimmer verlässt. Im zweiten und dritten Lebensjahr entwickelt ein Kind immer mehr Fantasie. Da lauern Monster auf dem Schrank und der Schatten wird zum Einbrecher. Rückhalt, Schutz und Verständnis finden Kinder dann bei ihren Eltern. In Kindergarten und Schule wird das Kind mit vielen anderen Personen konfrontiert, muss sich einordnen, erlebt Leistungsdruck. Nun können Erwartungen der Eltern oder schwierige Konstellationen in der Schule Ängste auslösen.

Was passiert aber, wenn man diesen kindlichen Ängsten mit Strafen begegnet? Das hilft schon der gesunde Menschenverstand: Wenn man die kindlichen Ängste ignoriert, um es gefügig zu machen, wird das Vertrauen zerstört. Und das kann für eine gesunde Entwicklung nicht gut sein. Ist es Respekt, wenn Kinder zum Gehorsam gezwungen werden? Oder lernen sie eher, ihr Herz für andere zu verschließen und nur auf sie einzugehen, wenn sie Macht ausüben? 

Anzeige