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Frage nach Babywunsch: "Inakzeptabel“ und überflüssig

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Die neue Chefin der sozialdemokratischen Labour Party, Jacinda Ardern (M) spricht am 01.08.2017 in Wellington (Neuseeland) bei einer Pressekonferenz. Nur wenige Wochen vor der Parlamentswahl in Neuseeland hat Oppositionsführer Little seinen Rücktritt
Jacinda Ardern, Spitzenkandidatin der Neuseeländischen Labour-Partei © dpa, Nick Perry, fgj

Sogar Spitzenpolitikerinnen müssen sich solche Fragen gefallen lassen

Jacinda Ardern ist seit vorgestern Spitzenkandidatin der Neuseeländischen Labour-Partei. Sie will Premierministerin werden. Die Fragen, mit denen die Politikerin konfrontiert wurde, sind allerdings eher von Vor-vor-vor-vor-vor-gestern. Ganz unverblümt wollten Fernseh-Moderatoren wissen, ob die 37-Jährige demnächst Mutter werden wolle, schließlich „hätten die Neuseeländer ein Recht darauf, zu erfahren, ob ihre mögliche Premierministerin Babypläne habe“ und eventuell in Mutterschaftsurlaub gehe. Hätten sie das auch einen männlichen Kandidaten gefragt? Wohl kaum. Einzig positiver Aspekt: Durch ihre Fragen haben sie eine Sexismus-Debatte ins Rollen gebracht.

Von Ursula Willimsky

"Viele Frauen in Neuseeland haben das Gefühl, sich zwischen Familie und Karriere entscheiden zu müssen. Glauben Sie, dass das eine Entscheidung ist, die man treffen muss oder die Sie schon getroffen haben?", wollte der Moderator einer TV-Sendung kurz nach Arderns Berufung zur Spitzenkandidatin wissen. Diese Frage winkte Ardern noch gelassen durch: Sie wolle "das Karriere-oder-Kind-Dilemma offen ansprechen", denn wahrscheinlich machten sich viele Frauen in Neuseeland darüber Gedanken. Ihr gehe es da auch nicht anders als jenen Frauen.

Ein paar Stunden später wurde der Moderator einer Morning-Show konkreter – und anmaßender: Die Neuseeländer hätten ein Recht, zu erfahren, ob ihre mögliche Premierministerin Kinder wolle. Schließlich müsse ja auch ein Unternehmer "diese Dinge" von einem "weiblichen Angestellten" wissen, bevor er sie einstelle. Da war es mit Arderns Geduld zu Ende: "Es ist absolut inakzeptabel, im Jahr 2017 zu behaupten, Frauen müssten auf diese Frage an ihrem Arbeitsplatz antworten. Das ist inakzeptabel, das ist inakzeptabel."

Frau = Nestbautrieb

Nebenbei bemerkt: Es ist auch gesetzeswidrig. In Neuseeland sind derartige diskriminierende Fragen im Bewerbungsgespräch verboten. Genauso wie in Deutschland auch. Die Frage nach dem Kinderwunsch gilt hierzulande als derart inakzeptabel, dass Bewerberinnen sie mit einer Lüge beantworten dürfen, ohne dass ihnen später ein Strick daraus gedreht werden könnte.

Nebenbei bemerkt 2: Eigentlich macht die Frage ohnehin keinen Sinn. Genauso gut könnte man auch fragen: "Haben Sie vor, in den kommenden fünf Jahre ernsthaft zu erkranken, und planen Sie deshalb, für einige Wochen nicht zur Arbeit zu erscheinen?" Obwohl: Ist nicht dasselbe. Krankheit ist nicht planbar – dass eine Schwangere in Mutterschutz geht, darauf kann man sich als Arbeitgeber monatelang vorher einstellen. Und der Laden wird noch nicht einmal den Bach runtergehen, falls ich einer der männlichen Mitarbeiter dafür entscheiden sollte, in Elternzeit zu gehen. So wie es auch die Neuseeländische Labour-Partei verkraftet hat, dass ihr bisheriger Vorsitzender völlig überraschend zurücktrat.

Nebenbei bemerkt 3: Trotz alledem scheint die Frage nach der Familienplanung (und damit nach angeblichen Planungsschwierigkeiten von Unternehmen, Organisationen oder im konkreten Fall eben Staaten) ein Anti-Privileg zu sein, in dessen Genuss nach wie vor ausschließlich Frauen kommen. Beim Anblick einer Bewerberin für den Posten in der Finanzhaltung, am Check-In-Schalter oder in der Regierung rattert offenbar sofort das Sperrgitter im Kopf des Interviewers hoch, das eigentlich dafür zuständig ist,  zwischen Privatleben (geht niemanden etwas an) und beruflicher Kompetenz (geht alle Beteiligten etwas an) zu unterscheiden.

"Es dauerte nur wenige Stunden, bis es um ihren Uterus ging." Schöner als die taz kann man dieses Denkdilemma eigentlich nicht auf den Punkt bringen, dass Frauen im gebärfähigen Alter nahezu unweigerlich mit dem Nestbautrieb in Verbindung bringt, der irgendwann ausbrechen wird. Das mag sogar stimmen – aber es ändert eben nichts an der beruflichen und sachlichen Qualifikation der Frauen. Und nur die darf bei einer Bewerbung zählen.

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